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VII.

Andeutungen

über

die katholische Dogmatik.

(Schluß.)

II. Fundamentirung der speculativen
Dogmatik.

Die katholische speculative Dogmatik hat, wie aus dem Zeitherigen erhellet, die von der Kirche als göttliche Offenbarungen vorgehaltenen Glaubenssäße zum Gegenstande der Reflerion zu machen, um sie dadurch aus dem Stande der Unmittelbarkeit in den des vermittelten Wissens zu erheben. Soll aber dieß ihr Beginnen kein eitles seyn, so müssen zuvor andere Fragen genügend gelöset werden. Zuerst fragt es sich nämlich: giebt der Ausspruch der katholischen Kirche Gewißheit, daß dieß und dieß eine in den Quellen der Offenbarung enthaltene Lehre sey? welches sind diese Quellen und sind sie ächt? ist das Christenthum eine göttliche Offenbarung? woran erkenne ich seine Göttlichkeit? welche Merkmale kommen einer Offenbarung zu? ist überhaupt ei-' ne Offenbarung nothwendig und möglich? wodurch erweiset sich mir diese Offenbarung als eine Mittheilung religiöser Wahrheiten? woraus gewinne ich überhaupt religiöse Wahrheiten, und welche stehen für mich und alle Uebrigen zum Boraus fest? Die befriedigende Lösung all dieser Fragen in ihrer umgekehrten Reihenfolge muß der eigentlich speculativen

Dogmatik nothwendig vorausgehen, muß ihr Fundament bilden. Ueber diese Fundamentirung nun folgendes:

1. Wie jede Wissenschaft, so muß auch die Wissenschaft der Dogmatik von etwas ausgehen, das seine unmittelbare Gewißheit in sich selber trägt und darum wohl eines Nachweises aber keines Beweises fähig ist. Dieses unmittelbar Gewiße ist für die theologische Wissenschaft das Daseyn Gottes, weil das Gottesbewußtseyn ein wesentliches Moment des Selbstbewußtseyns bildet und darum der Mensch das Daseyn Gottes als des absoluten Urgrundes eben so wenig in Abrede oder auch nur in Frage stellen kann als sein eigenes Daseyn.

2. Hieran schließt sich eine Erposition alles dessen was im Gottes Bewußtseyn eo ipso gesezt ist, also der Lehre von Gott in seiner Superiorität über und Unabhänigkeit von der Kreatur, und des Verhältnisses der Kreatur zu Gott. Es ist leicht zu begreifen, daß, je reiner sich das Gottesbewußtseyn in irgend einem Individuum ankündigt, oder vielmehr, je mehr dasselbe durch die Offenbarung ausgeläutert ist, um so richtiger und wahrhafter auch diese Ers position sich gestalten müsse.

3. Sofort beginnt die Vernunft, ihr speculatives Interesse geltend zu machen und sich der Erörterung der Frage zuzuwenden woher den Menschen die besprochene Auswicklung seines Gottesbewußtseyns geworden sey. Da nämlich der Mensch als kreatürliches endliches Wesen alle seine zeitigen Kräfte nur in der Form der Anlage empfangen haben konnte, und die Entwickelung dieser Anlage nur durch Anregung von Seite eines andern über ihm stehenden geistigen Wesens möglich seyn konnte, es überdieß im Begriffe Got tes als des Schöpfers liegt, seine Verbindung mit dem Geschöpfe nicht aufzuheben, seinen Schöpferwillen nicht von ihm abzuwenden: so wird hiedurch der Gedanke auf eine Uroffenbarung geleitet, deren Nothwendigkeit unter dem

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Gesichtspunkte einer Erziehung des Menschen durch Gott in die Augen springt, und die sich als erleuchtend und belebs end erwiesen haben muß.

Seben wir uns nun für das Bisherige in der vorliegenden Schrift um. Gleich S. 1 wird gesagt, daß Gott sein Daseyn im Innern des Menschen und in äußern Erscheinungen unabweisbar ankünde, und Gott wird bezeichnet als der Urheber und Leiter des großen Weltles bens. Wie ersichtlich, so ¡führt diese Unbestimmtheit des Ausdrucks zugleich auf die Nebenvorstellung, daß sich im Gottesbewußtseyn nicht unbedingt die Wahrheit ankünde. Gott sey auch der Schöpfer der Welt, nicht blos ihr Beles ber, es sey nicht an eine von Gott unabhängige ewige lebund formlose Materie zu denken. Besser wird A. S. 1 der sich den Menschen unmittelbar als segnend ankündigende Gott Urgrund alles Lebens und Seyns genannt. Das Bes wußtseyn von Gott wird nun B S. 2 als Erkenntniß Got tes bezeichnet und behauptet: diese Erkenntniß sey eine selbst geschaffene oder anders moher erhaltene, je nachdem der Mensch durch eigenes Nachdenken, oder durch fremden Uns terricht dieselbe erworben habe eine Behauptung die nach dem so eben unter Na 3 Gesagten zu berichtigen ist. Hies mit werden nun die genannten drei Punkte, so wichtig für die speculative Theologie, abgefertigt und auf die Besprech ung der Religion und ihres Verhältnisses zur Theologie übergegangen S.`3—7 A. S. 2 und 3. und sonderbar genug Religion für identisch genommen mit Religiosität, relis giösem Sinn und Leben, Religionslehre für identisch mit Sittenlehre oder praktische Theologie, Theologie dagegen für identisch mit Dogmatik, so daß sich im Nothfalle ein religiöses Leben ohne religiöse Doctrinen denken ließe. Nachdem nun noch über christliche Religions- und GottesLehre und über ihre Wichtigkeit verhandelt ist, wird von der christlichen speculativen Theologie, von ihrer Grundlegs Katholik. Jahrg. XVIII. Sft. IL.

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ung und Konstruction gesprochen S. 7-11 und mit einer kurzen Geschichte der Dogmatik geschlossen S. 11-31 A. S. 11-24, die, beiläufig gesagt, nur das Merkwürdige darbietet, daß diejenigen einer ausgezeichneten Erwähnung gewürdiget werden, „die in Franken die Glaubens - mit der Religionslehre abhandelten und zur Feststellung der Glaubenswahrheit lieferten." S. 24. 28 u. ff.!

4. Ist die Lehre von der Uroffenbarung besprochen und ihre Nothwendigkeit dargethan, so handelt es sich zunächst um einen historischen Nachweis dieser Thatsache, das mit die Konformität des Behaupteten mit dem faktisch in der Menschengeschichte Vorhandenen einleuchtend werde. Hier hat sich nun der speculative Theologe zu jenen Völkern zu wenden, die sich keiner positiven Offenbarung erfreuten (was erst später nachgewiesen wird). Alle diejenigen relis giösen Erkenntniße, welche sich bei denselben vorfinden, und sich nicht als durch eine positive Offenbarung erhalten nachweisen lassen, sind zu betrachten, als Uebereste des durch die Uroffenbarung angeregten und ausgewickelten Gottesbes wußtseyns. Als allen Völkern gemeinsame Erkenntnisse künden sich z. B. an: a. die Lehre von einer Einheit Gottes auch allem Polytheismus zu Grunde liegend: b. der Glaube an eine Kommunication göttlicher Wesen mit den Menschen; c. an einen frühern von dem gegenwärtigen verschiedenen Zustand der Menschen; d. an ein Vorhandenseyn böser, dem Heile der Menschen feindselig gegenüberstehender Mächte; e. an eine Herrschaft Gottes über die gesammte Schöpfung ; f. an eine Unsterblichkeit und Vergeltung u. s. w. Sind derartige Lehren einerseits unwiderlegliche Zeugnisse für die Universalität des Gottesbewußtseyns, so sind sie anderseits im Vereine mit den ihnen gewordenen Verunstaltungen ganz dazu geeignet, eine Untersuchung darüber zu veranlassen: warum sich das Gottesbewußtseyn mehr und mehr verwischt und bis in das Unkenntliche verzerrt habe. Die Beantwortung

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dieser Frage wird durch eine andere Wahrnehmung erleich
tert, durch die nämlich, daß sich das religiöse und sittliche
Leben dieser Völker in einem Zustande befinde, wie er weder
der Bestimmung des Menschen noch seinem primitiven Zus
stande angemessen seyn kann. Hieraus bildet sich denn die
Nothwendigkeit der Lehre vom Sündenfall, welche Lehre
als eine wahre noch dadurch bestätigt wird, daß sich in
jedem menschlichen Individuum das Bewußtseyn eines in ihm
obwaltenden Mißverständnisses ankündigt, daß die Völker in
ihren Sühnopfern die Nothwendigkeit einer Erlösung faktisch
anerkennen und damit zugleich auch die Unmöglichkeit einer Ne-
stauration aus eigner Kraft aussprechen. — Von all diesem vers
nehmen wir bei unserm Herr Verfasser so viel als nichts. Es
werden zwar wohl die angeblichen Offenbarungen der heidni-
schen Völker durchgegangen S. 602–768, und die hiebei
entwickelte Belesenheit und Gelehrsamkeit ist rühmlichst an-
zuerkennen; allein der eigentliche Zweck dieser seiner Be-
mühung besteht in der Nachweisung, daß ihnen der Charak-
ter des Geoffenbartseyns abgehe, und daß die in ihnen
enthaltenen Religionsideen sich von Noah aus vererbt haben.
6. 763. Alles was sich für unsern Gesichtspunkt darbietet,
ist dieß, daß S. 760 gesagt wird, daß die Harmonie der
verschiedenen Religionen zum Theil auch aus der Uroffen-
barung zu erklären sey, und S. 778, daß die Systeme der
alten Welt dem speculativen Theologen dazu dienen sollen,
„die geoffenbarten Wahrheiten als im Wesen des Menschen
wurzelnd darzustellen, nach Inhalt und Urspung zu beleuch
ten, zu bestätigen, in das tiefste Alter zurückzuführen, als
gemeinschaftliche Uroffenbarung zu erweisen, gewissen Per-
sonen annehmlicher zu machen." Und hiemit ist dieser so
wichtige Punkt eins für allemal erledigt! Vergl. auch A. S. 480
u. 536, wo ganz dasselbe gesagt ist.

5. Nach dem Vorausgegangenen läßt sich nun der Inhalt der sogenannten natürlichen Offenbarung, die ihre Wur

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