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geworden und hat unter uns gewohnet. Ein Engel hat die Freudenbotschaft Marien verkündet, daß der heil. Geist über sie kommen und die Kraft des Allerhöchsten sie überschatten werde; und Maria, die demüthige und bescheidene Jungfrau sprach: Siehe, ich bin eine Dienerinn des Herrn, mir geschehe nach deinem Worte; und Gottes Sohn ist Mensch geworden. Es ist also, als wenn die Kirche über den ganzen Erdboden in allen, ihrer Gemeinschaft angehörigen Gemeinden täglich zu dreien Malen die feierliche Worte erschallen ließe: Höret ihr Himmel, und merke auf, du, o Erde. So sehr hat Gott die Welt geliebt, daß Er, seines einzigen Sohnes nicht verschonte, sondern ihn für uns hingab, das mit Jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern das ewige Leben habe. Gibt es wohl eine einzige Erschei nung in der ganzen Weltgeschichte, welche einflußreicher, wichtiger und erhabener wäre, als die Menschwerdung des Sohnes Gottes? Jene Millionen der vergangenen Jahrhunderte, wem anders verdankten sie ihren Frieden, ihre Se ligkeit, ihre Erlösung von Sünde und Tod, als dem Sohne des Allerhöchsten? Jene Millionen, welche gegenwärtig nicht mehr vor stummen Gößen ihre Kniee beugen, sondern den Bater anbeten im Geiste und in der Wahrheit, wem ans. ders als dem Gottmenschen Christus Jesus verdanken sie ihre Erleuchtung und Beseligung? Welche Nacht würde uns noch umfangen, welches Dunkel noch schweben über uns serm Geiste, wie würde unsre Seele, seufzend unter der Last der Sünden, nach einem Erretter und Begnadiger sich sehnen, wenn uns nicht in Christus ein Licht aufgegangen wäre aus der Höhe, zu erleuchten Alle, die sizen in Fins sterniß und Todesschatten, zu leiten unsre Füße auf den Weg des Friedens, wenn Er nicht die Ketten der Sünde zerbrochen und ein huldreiches Jahr der Erlösung bereitet hätte? Auf dieses eine Ereigniß beziehen sich fast alle Offenbarungen des alten Bundes; in ihm wurzelt die ganze

Geschichte des neuen Bundes. Der Glauben an die Menschwerdung des Sohnes Gottes ist die Grundbedingung alles positiven Christenthums und seines Einflusses aufs menschliche Leben. Diesen Glauben müssen wir vor Allem festhalten, wenn das Christenthum nicht in reinen Nationalismus übergehen soll. Ist es deßhalb nicht eine höchst weise Einrichtung unsrer Kirche, daß sie uns täglich an dieses große Wunder erinnert? In der Menschwerdung Christi offenbart sich uns in ihrer ganzen Größe und Fülle die Liebe des himmlischen Vaters, der unsretwillen seines eingebornen Sohnes nicht schonte; zeigt sich uns ferner die unendliche Liebe des Sohnes, welcher aus Gehorsam gegen den Vater und aus Liebe zu uns, statt der für ihn vorhandenen Freude das Kreuz erduldete und der Schmach nicht achtete; sehen wir auch unsre Ohnmacht und Schwäche, aus eigener Kraft zur Tugend und Vollkommenheit uns zu erschwingen. Indem die Betglocke uns an die Menschwerdung Christi erinnert, ruft sie uns also zugleich alle die Wohlthaten ins Andenken zurück, welche jene uns brachte. Sie ruft uns zu: Christen, bedenket, Gott ist die Liebe; Er hat uns seinen Sohn geschenkt und mit ihm Alles. Und Ihn sollten wir nicht wieder lieben, Ihm nicht unser ganzes Herz weihen, Ihm sollten wir nichtige Erdengüter vorziehen, Ihn nicht lieben über Alles? Sie ruft uns zu: Gott ist die Liebe! Darin hat sich Gottes Liebe bewiesen, daß Er seinen eingebornen Sohn in die Welt gesandt, damit wir leben. Darin zeigte sich diese Liebe, nicht, als wenn wir Gott geliebt, sondern daß er uns liebte, und seinen Sohn sandte zur Versöhnung für unsre Sünden. Da nun Gott uns so geliebt, so müssen auch wir einander uns lieben, I. Joh. 4, 9-11. Gott ist die Liebe; wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. Darum lasset uns Gott lieben; denn Er hat uns zuerst geliebt. Wer da sagt: ich liebe Gott, und hasset seinen Bruder, der ist ein

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Lügner; denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, wie kann er Gott lieben, den er nicht sieht?

Die Betglocke ruft uns zu: Christen, bedenket, das Wort ist für uns Fleisch geworden und hat unter und ges wohnet; Christus, der Abglanz des Vaters und das Ebenbild seines Wesens ist uns gleich, unser Bruder geworden. Und wir sollten Ihn nicht wieder lieben, Ihn, den Eins gebornen des Vaters, der in allen Stücken so wie wir ges prüft worden, ausgenommen die Sünde? Hebr. 4, 15. Wer unsern Herrn Jesum Christum nicht liebt, sagt Paulus, der sey verflucht. I. Cor. 16, 22. Die Gnade Gottes, unsers Erlösers, ist allen Menschen erschienen, und hält uns ernsts lich an, daß wir, der Gottlosigkeit und den Lüsten der Welt entsagend, sittsam, gerecht und gottesfürchtig in dieser Welt leben. Tit. 2, 11. Bewährt ist das Wort und aller Annahme würdig, daß Christus Jesus in die Welt gekommen, um Sünder zu retten. I. Tim. 1, 15. Und wir sollten in der Sünde verharren, sollten aus Liebe zu dem menschgewordes nen Heilande der Sünde nicht absterben und kreuzigen unser Fleisch sammt seinen Gelüsten? Die Betglocke erinnert uns ferner an die Liebe des heil. Geistes, dessen Kraft María überschattete, und fordert uns auf, nur von ihm uns leiten zu lassen. Denn Alle, die von dem Geiste Gottes sich leis ten lassen, sind Kinder Gottes. Sie ruft uns also zu: Die Gnade Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den heil. Geist! Dieser Geist giebt unserm Geiste die Ueberzeus gung, daß wir Kinder Gottes sind. Sind wir Kinder, so sind wir auch Erben, sowohl Erben Gottes als Miterben Christi. Tim. 8, 16. 17. In ihm rufen wir, Abba, Vater. Die Betglocke erinnert uns auch an die Demuth und finds liche Ergebung der frommen Gottesmutter, und ruft uns zu: Werdet so bescheiden, so schamhaft und züchtig, so voll Vertrauen und Liebe zu Gott, so voll Hingebung in seinen heil. Willen, wie Maria war, und nehmet ihr schönes

Tugendbeispiel zum Vorbilde eures Lebens; sie ist die Mutter eures Erlösers; ehret im Sohne die Mutter und in der Mutter den Sohn.

Sie erinnert uns ferner an all' die Gnade und Wahrs heit, welche in Christus uns ist mitgetheilt worden, und fordert uns auf zum lautesten Danke, zur tiefsten Anbetung und zum freudigsten Preise des Vaters und seines Eingebornen. Danket dem Herrn, ruft sie uns zu, und preiset seinen heil. Namen; denn seine Barmherzigkeit währet ewig! Ueberschwenglich hat sich die Gnade unsres Herrn an uns erwiesen mit Glaube und Liebe in Christo Jesu. Ihm, dem Könige der Zeiten, dem Unvergänglichen, dem Unsichtbaren, dem einzigen Gott sey Ehre und Preis in alle Ewigkeit. Amen. I. Tim. 1, 17. Sie fordert uns auf, einzustimmen in den Jubel der Engel und jener großen Schaar, die Niemand zu zählen vermag, aus allen Nationen und Geschlechtern, Völkern und Sprachen im Reiche der Himmel und gleich ihnen auf Erden auszurufen mit lauter Stimme: Heil unserm Gott, der auf dem Throne sißt, und dem Lamme. Offenb. 7, 10. Würdig ist das Lamm, das geschlachtet ward, zu nehmen Macht und Reichthum, Weisheit und Kraft, Ehre, Preis und Lob, mit ihnen niederzufallen und anzubeten Den, der im Fleische erschienen ist und nun zur Rechten des Vaters thronet. Offenb. 5, 12. Sie erinnert und insbesondere an unsre Erleuchtung, Heiligung und Beseligung in Chris stus, an unsre Versöhnung mit Gott. I. Joh. 2, 3. Denn Christus ist die Versöhnung für unsre Sünden, doch nicht allein für unsre, sondern auch für die der ganzen Welt. Durch ihn haben wir Befreiung erlangt vom Geseße des Todes und der Sünde, sind wir gerechtfertigt und begnadigt und der Aufnahme in den Himmel wieder befähigt worden. Wäre Christus nicht Mensch geworden, würden wir noch schmachten in den Banden der Sünde.

Sie erinnert uns ebenfalls an die hohe Würde unfrer

Natur und den Werth der menschlichen Seele; sie ruft uns zu: Wie viel giltst du doch, o Mensch, in den Augen des Allerhöchsten, daß Er deiner so gedenket, wie hoch stehst du, o Menschensohn, daß Er sich deiner so annimmt? Sogar ein Gott hat sich um deinetwillen entäußert, hat Knechtges stalt angenommen, ward Menschen ähnlich und von Ansehen wie ein Mensch erfunden. Siehe da deines Heilandes tiefste Erniedrigung um deiner Erhöhung willen. Und du wolltest deine Würde verkennen, im Staube kriechen, sinns lichen Lüsten nachjagen, du wolltest sie wegwerfen und dich unter die Thiere erniedrigen, da ein Gott für dich Mensch geworden ist? Vernimmst du nicht diesen Ruf der Betglocke? Verstehst du nicht ihre Töne? Rufen sie dich nicht zu Gott zurück, dessen Wege du verlassen? Fordern sie dich nicht auf, umzulenken auf die Wege der Gerechtigkeit? Halten sie dir nicht vor deinen Undank und die Erbarmungen Gottes, der dennoch auch für dich seinen Sohn in die Welt sandte? Wie, wenn du nimmer dieser bittenden und mahnenden Stimme gedenkest? Wenn du beständig ihrer spottest und sie verlachest, bis sie endlich deinen Tod ankündet und dir zu Grabe läutet? Wie dann?! Die Betglocke ist für uns aber auch die Stimme eines Friedensboten, der uns mit hohem Gottvertrauen, mit glaubensfestem Muthe-und himmlischem Troste erfüllt. Nuft sie uns doch zu: Gott ist die Liebe; das Wort ist für uns Fleisch geworden. Wer wollte da noch verzagen, noch vor Kleinmuth vergehen? Wer wollte da nicht gerne die Beschwerden und Mühseligs keiten des Lebens ertragen? Wer wollte noch klagen über körperliche Leiden, über harte Zeiten, über den Undank, die Verfolgungen der Menschen? Gott hat uns ja seinen Sohn gesandt, und Er sollte uns je ganz verlassen können? Er sollte uns nicht helfen in jeglicher Noth? Indem uns also die Menschwerdung unsres Heilandes durch den Ruf der Betglocke vor die Seele tritt, finden wir zugleich in

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