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präsentanten der Kirche, die Bischöfe; ihre Aussprüche, und zwar oft nur durch zufällige Stimmenmehrheit bedingt, sollten das Criterium der Wahrheit seyn; ja in dem immermehr sich pyramidenförmig zuspißenden hierarchischen Baue sollte endlich der Papst das untrügliche Orakel des christlichen Glaubens seyn. Die Gemeinschaft mit der Kirche, die nur ein Belebungs- und Berichtigungsmittel des Glaubens seyn konnte, wurde zur nothwendigen Bedingung des Heils gemacht, ohne welche es keinen Theil an Christo geben könne. Es hieß: wer die Kirche nicht zur Mutter hat, kann Gott nicht zum Vater haben. Durch die Erblehre (Tradition) wurde aller Glaube statt des lebendigen Fortschreitens an die Vergangenheit geheftet, und das frühere Geschlecht zum Glaubensherrn jedes späteren gemacht. Man begnügte sich nicht mit der Einheit des Geistes und der Grundlehren, sondern fors derte Uebereinstimmung mit allen einzelnen Sahungen der Kirche. Dadurch wurde der individuelle Glaube nur zum matten Wiederschein der kirchlichen Formeln, und alles geistige Leben erstarrte in den engen Banden der Kirche. Wenn dies nicht völlig geschah, so war es nur aus Inconsequenz oder Ungehorsam gegen die Prinzipien.

"Hiezu wirkte noch ein anderes Moment mit, der Einfluß des Juden- und Heidenthums. Das Christenthum war zwar etwas Neues, aber es konnte ohne eine gewisse Anschließung an das Alte nicht wirksam in die bestehende Welt eingreifen. So hat auch theils die Berufung auf die Weissagungen und geschichtlichen Ereignisse des alten Testa ments bei den Juden, theils die Benüßung der griechischen Philosophie bei den Heiden demselben Eingang verschafft, und dazu gedient, seinen Lehrinhalt unter den Christen selbst bestimmter zu entwickeln. Aber durch solche fremdartige Einflüsse wurde auch bald der reine Quell des Evangeliums

Katholik. Sahrg. XVIII. ft.III.

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getrübt. Durch den jüdischen Geist wurde die innere Sitts lichkeit, die Christus verlangt, zu einer äußerlichen Gesetzmäßigkeit und Werkgerechtigkeit. Durch den heidnischen wurde der Himmel mit Mittelspersonen zwischen Christo und den Gläubigen, mit Heiligen gleich den Halbgöttern und Heroen bevölkert, und ein neuer Polytheismus, ja sogar Fetischismus (man denke an den Reliquiendienst) in christlichen Formen gestaltet. Durch beide erhielt das Priesterwesen eine immer höhere Bedeutung, so daß die Priester, als ein hös herer Stand und eine eigene Kaste von den Laien abgesondert, als die einigen Vermittler zwischen der Gottheit, die untrüglichen Ausleger der göttlichen Wahrheit, die einzig gültigen Verwalter der Sacramente betrachtet wurden, während doch nach dem Christenthum allen Christen der pries sterliche Charakter zukommt (1 Petr. 2, 9.). Ja selbst das Opfer der Vorzeit durfte nicht fehlen, daher mußte, obgleich Christus durch seine Hingabe alle Opfer für immer aufgehoben hatte (Hebr. 10.), in der Messe durch die Hand des Priesters ein fortdauerndes Opfer dargebracht werden. In der Masse der Ceremonien und in dem Glauben, daß durch die Handlungen des Cultus Gott ein Dienst geschehe, schien die Sinnlichkeit der vorchristlichen Religionen wiedergekehrt zu seyn.

"Jedoch waren dies nicht bloß zufällige Verirrungen oder praktische Mißbräuche, sondern sie gingen mit dem Dogma der Kirche Hand in Hand, und fanden darin ihre Stüße und Haltung. Wenn nach der christlichen Lehre der Mensch seinem innersten Grunde nach von Gott entfremdet, und durch seine natürlichen Kräfte zum wahrhaft Guten und Göttlichen unfähig ist ohne die Gnade Gottes in Christo: so hat sich in der katholischen Kirche nach und nach das Dogma gebildet, daß der Mensch nicht so tief gefallen, sondern nur ein übernatürliches Gnadengeschenk verloren habe, und daß die Gnade mehr dazu wirke, seine natürlichen

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Kräfte zu stärken und zu entwickeln, als ein neues Leben in ihm zu schaffen.

„Diese günstigere Ansicht von den sittlichen Kräften des Menschen durchdringt das ganze System, und ist die materielle Quelle der meisten Lehren und Gebräuche, wodurch es sich mit dem Christenthum in Widerspruch seßt. Indem die Sündhaftigkeit des Menschen nicht in ihrer ganzen Tiefe anerkannt wird, wiederfährt auch dem Verdienste des Erlös sers nicht sein volles Recht. Daher wird im Katholizismus der Blick statt in die Tiefe des Innern, mehr nur nach Außen gerichtet, sowohl was die Erfüllung als die Uebertretung des Sittengeseßes betrifft. Er beugt den Menschen auf's Neue unter ein geseßliches Joch, und schreibt ihm einzelne Handlungen vor (z. B. wie oft er fasten, beichten foll u. dgl.), nach welchen der Werth der Sittlichkeit beurtheilt wird. Er lehrt, daß man durch ausschließend religiöse Handlungen und Erfüllung solcher Pflichten, die Gott nicht unbedingt gebiete, sondern nur anrathe und der Freiheit des Einzelnen überlasse (z. B. freiwillige Armuth, Ehelosigs keit u. dgl.) eine höhere Stufe der Vollkommenheit erreichen könne (daher die hohe Verehrung des Mönchsstandes), ja daß man überpflichtmäßige Handlungen verrichten, und sich dadurch theils ein Verdienst vor Gott erwerben, theils durch Vermittlung der Kirche dasselbe anderen sittlich Bedürftigeren könne zu gut kommen lassen, als ob das Sittliche eine Münze wäre, die von Hand in Hand geht. Er hat daher Heilige, die in vollkommener Angemessenheit zu dem Sittengesehe stehen. Er lehrt, daß der göttlichen Gerechtigkeit durch gewisse Satisfactionen von Seiten des Menschen Genüge geschehen müsse, daß aber diese von der Kirche durch den Ablaß wieder aufgehoben werden können. Wie sehr dadurch alle reineren sittlichen Begriffe verkehrt werden, die Lehre der menschlichen Sündhaftigkeit verkannt, und das Verdienst des Erlösers geschmälert, springt in die Augen. Denn nach

der christlichen Lehre (vergl. 1 Joh. 1, 8.) sowie nach dem Zeugniß des reinen sittlichen Bewußtseyns, kann sich kein Mensch einer vollkommenen Angemessenheit zum Sittengeseze, noch weniger (vergl. Luc. 17, 10.) eines Verdienstes rühmen; die absolute Forderung des Sittengesehes steht immer noch höher, als jede noch so hohe Stufe der Sittlich keit, die der Mensch im Zeitleben erreichen mag (vergl. Phil. 3, 12.).

„Jene Ueberschäßung der sittlichen Kräfte des Menschen hatte dann wieder die hohe Meinung von der Kirche zur Folge, indem man um so weniger Bedenken trug, dem göttlichen Ansehen das menschliche an die Seite zu stellen, die Häupter der Kirche für die untrüglichen Organe des göttlichen Geistes zu erklären, und der Kirche eine Art erlösens der und versöhnender Thätigkeit zuzuschreiben.

,,So war die Kirche, die Christus auf den Geist gegrün det hatte, ins Fleisch versunken, das Innerliche zum Aeußerlichen verkehrt, und als die äußerste Spiße dieser Veräußes rung der Erlöser selbst in der Hoftie als ein äußerliches Ding der Anbetung vorgehalten. So wurde namentlich auch der innere Unterschied, welchen das Christenthum zwischen der Welt und dem Reiche Gottes statuirt, ganz äußerlich genommen, und zwischen dem Kirchlichen und Bürgerlichen eine schroffe Scheidewand befestigt. Statt daß das Christenthum alle öffentlichen und häuslichen Verhältnisse mit seinem Geiste durchdringen und heiligen will, wurde nur das Kirch liche für heilig erklärt, alles Uebrige für mehr oder weniger profan, daher auch der Staat, als der Innbegriff der Laien, der Kirche weit untergeordnet.

„So sehr indeß die Kirche von ihrer ursprünglichen Jdee abgefallen war, so hörte sie doch nicht auf, eine christliche zu seyn. Die christlichen Grundgedanken übten auch in ihrer Entstellung noch eine heilsame Wirkung; Gott und Christus war über den Heiligen nicht ganz vergessen; das Gefühl der

Sünde wurde auch durch die Ceremonien und äußerlichen Sagungen angeregt; zu allen Zeiten gab es nicht Wenige, welche in der Stille einen christlichen Wandel führten und die Gebrechen der sichtbaren Kirche fühlten. Ja, die Vers äußerung und Vermenschlichung der christlichen Ideen war in einer gewissen Epoche bei jenen rohen, barbarischen Völkern, die auf den Trümmern der römischen Welt sich ansiedelten — höchst wohlthätig und gewissermaßen nothwendig. Ehe der Einzelne zum Selbstdenken herangereift war, mußte die Kirche für ihn Autorität seyn, das Gefühl des Heiligen durch den Pomp der Ceremonien geweckt, die Gewalt roher Begierden durch einzelne kirchliche Gebote gezügelt werden. Der christliche Geist hatte sich daher in Formen gekleidet, wie sie für die damaligen Zeitumstände am wirksamsten waren.

„Aber er bewährte auch seine göttliche Kraft eben darin, daß er diese Formen, als sie der höheren Entwicklungsstufe der Menschheit nicht mehr angemessen waren, zerbrach, den Krankheitsstoff, der sich nach und nach eingeschlichen hatte, von sich ausstieß, und sich aus sich selbst reformirte. Der Widerspruch, in welchen sich der Katholizismus mit der wahren Idee des Christenthums gesetzt hatte, erzeugte ein um so lebendigeres Streben, zu jener Idee zurückzukehren, die in dem Bewußtseyn der Kirche nie ganz untergegangen war. Und dies ist das Prinzip und der Charakter des Protestantismus."

Heißt es nicht hundertmal vorgebrachte, und eben so oft widerlegte Vorurtheile gegen die katholische Kirche in Schuß nehmen; ja, heißt es nicht der Lüge, Entstellung und Verdrehung aller Wahrheit Proselyten werben, wenn man solche Werke als ganz vorzügliche Mittel anrühmt, sich lebendige und gründliche Ueberzeugung des Christenthums zu erwerben! Zwar kann dieser harte Vorwurf nicht einzig die Anrühmung dieses giftig protestantischen Buches

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