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heit zu einem Wissen zu vermitteln, eine Versöhnung zwischen Glauben und Wissen zu bewerkstelligen. In dem Grade, als seine christliche Philosophie, oder wenn man lieber will, seine speculative Theologie jene Aufgabe löst, in dem Grade müssen auch die Gegensäße des glaubensscheuen Nationalismus und des wissensscheuen Supranaturalismus verschwinden, und die objektive, die geoffenbarte Wahrheit als eine in den Menschengeist eingegangene, als eine erlösende und heiligende, also als eine Leben in sich habende und Leben spendende sich darstellen. Herr Professor Hoffmann, der talentvolle und geistreiche Schüler Baaders, hat sich ein nicht geringes Verdienst um die Theologie dadurch erworben, daß er das System seines Lehrers der gebildeten Welt zugängs licher zu machen bemüht ist. Hieraus ist ihm aber auch zugleich die Pflicht erwachsen, Baaders Lehre gegen ungerechte Angriffe zu vertheidigen, aber auch gegründete Ausstellungen zu berücksichtigen und dankbar zu verwenden. Dieser Pflicht sucht er nun in dem vorliegenden Schriftchen nachzukommen, indem er es unternimmt, einige Angriffe und Beschuldigungen abzuweisen, welche gegen Baaders System gemacht und erhoben wurden. Es enthält nämlich dieses Schriftchen eine ausführliche Würdigung und Berichtigung dessen, was in dem Aufsaße: das literarische Deutschland „in der Athanasia“ (Neue Folge III. Bd., 1stes u. 2tes Heft, S. 57—87 u. 231-314) über und gegen Baaders Lehre gesagt wurde G. 396, sodann eine Antikritik dreier Recensionen vom ersten Hefte der Vorlesungen über speculative Dogmatik von Fr. Baader. S. 98 128. Die erste dieser Recensionen findet sich im „Religions- und Kirchenfreund" Jahrg. 1830; die zweite im literarischen Anzeiger für christliche Theologie und Wissenschaft überhaupt“ No. 5. u. 7 des Januars 1830; die dritte in dem „Literaturblatte zur Darmstädter allgemeinen Kirchenzeitung,“ 21. Juli 1830, No 58.

Obgleich nun dieses Schriftchen wegen seiner speciellen

Beziehung auf das gegen Baader Vorgebrachte durchweg den Charakter der Polemik an sich trägt, so ist es doch in manchen Parthien als ein wünschenswerther Beitrag zur specu lativen Theologie zu betrachten, indem darin einzelne wichtige Punkte, z. B. das Verhältniß der Philosophie zur Theologie, des Glaubens zum Wissen, der historischen zur spekulativen Theologie, die Ansicht, daß die Menschwerdung des Sohnes Gottes auch ohne den Fall Adams geschehen seyn würde, weil, wenn Christus nicht unser Erlöser, er doch unser Vermittler geworden wäre einer ausführlichen Erörterung unterzogen werden. Am meißten beklagt sich der Herr Verfasser über dasjenige, was in der Athenasia gesagt wurde. Es seyen, heißt es, in jenem Aufsaße die Schranfen der Polemik weit überschritten, es sey Baader „nur so im Vorbeigehen und in Gesellschaft nichtswürdiger Buben“ abgeurtheilt worden; der Verfasser jenes Aufsages bekenne sich selbst als einen Nichtphilosophen, sein Urtheil sey darum ein inkompetentes, sein Aufsaß ein geschmackloses, verworrenes und geistloses Produkt, ein vom Zorn der Bornirtheit erhistes Machwerk. Er bekenne sich als einen Feind der Philosophie, suche aber doch die Blößen seiner Unwissenheit mit einigen Lappen des Kantianismus zu verdecken; als eis nen Feind der Speculation, während er, Baadern verwerfend, die Lectüre der langweiligen und rationalisirenden Urania von Tiedge empfehle. Dieser erbitterte Ton ist durchs herrschend und es wird noch weiter gesprochen von einer fanatischen Verkeßerungssucht der Obscuranten, von der Gewiss senlosigkeit dieser gehässigen Polemik, von einem erbärmlichen Gewäsch, ja das Daseyn der Vernunft des Gegners wird sogar in Frage gestellt. Dieses Herbe und Bittere des Ausdruckes hat uns mit unendlichem Schmerze erfüllt, und dieser Schmerz wurde nur wenig gemildert durch dasjenige, was der Herr Verfasser in der Nachschrift S. 129 — 134 zur Rechtfertigung seiner Bitterkeit bemerken zu müssen glaubte.

Wenn unsere Gegner die Schranken des Anstandes und der Gerechtigkeit übertreten, erwächs't uns daraus ein Recht, das Gleiche zu thun? Wir sind zwar dafür, daß der Jrrthum in seiner ganzen Schärfe dargestellt und mit Ernst und Nachdruck abgewiesen werde; allein dazu bedarf es keiner so entwürdigender Ausdrücke. Hätte der Herr Verfasser ferner erwogen, welches Unheil die sogenannte Philosophie schon zu Tage förderte, ja sich bis zum Atheismus und Antitheismus steigerte; welche Flachheiten und welchen Unsinn, welche Gottlosigkeiten und Schlechtigkeit durch die sogenannten Vernunft Theologen in Umlauf gefeßt wurden: er hätte es den Supernaturaisten nicht verdenken können, daß sie mit einer gewiffen Scheue gegen die speculative Theologie erfüllt wurden. Man würde sich sehr täuschen, wenn man glauben wollte, diese Supranaturalisten hätten die Lehren der göttlis chen Offenbarung nur als eine historische Antiquität, als leblose Formen in sich aufgenommen und bewahrt, sie seyen zu träge, sich um die Gründe ihres Glaubens zu bekümmern und zu ungeschickt, denselben zu rechtfertigen, es sey mit einem Worte die objektive Wahrheit nicht in ihren Geist eingegangen, dieser habe sich nicht gegen jene aufgeschlossen: damit ließe sich ihr Eifer für den Glauben und ihre Bereitwilligkeit, für denselben Blut und Leben hinzuopfern durchs aus nicht vereinbaren auch sie wissen, an wen sie glau ben und warum sie glauben, sie haben ein Wissen nicht blos um ihren Glauben, sondern auch von den Gründen ihres Glaubens; nur das bezweifeln sie, ob es irgend ein philosophisches System gebe, das ledig der Offenbarung, und abgesehen von ihr, jene Wahrheiten zu erfinden vermöchte, welche sie von Gott überkommen has ben, und dieß ihr Mißtrauen, dieß ihr Bezweifeln, wurde durch die Wahrnehmung erzeugt, daß die Philosophie seit Cartesius im Allgemeinen kein angelegendlicheres Geschäft kannte, als sich außerhalb des christlichen Kreises auf eigne

Füße zu stellen, nicht nur von den Lehren der Offenbarung gänzlich zu abstrahiren, sondern von vornherin dieselben als unwahrheiten zu betrachten und nun ihnen gegenüber die rechte und einzige Wahrheit zu entdecken, und daß das Ergebniß dieser Philosophie sich als ein antichristliches herausstellte. Darin nun haben sie freilich sehr unrecht, wenn sie diese falsche Philosophie von der wahren nicht unterscheiden, oder vielmehr, wenn sie überall, wo von einer Philosophie die Rede ist, eben nur jene falsche sich darunter denken und darum sich dagegen erklären. Nach unserer Ueberzeugung wäre es sehr ungerecht, Franz Baader in diese Klasse wers fen zu wollen, und so es dennoch geschieht, so ist dieser Jrrthum abzuweisen. Franz Baader will überhaupt keine Wahrs heit erfinden, sondern nur über die gegebene reflektiren, sey es nun, daß dieselbe unmittelbar sich im Bewußtseyn ankünde, sey es, daß sie durch eine spezielle Offenbarung an die Menschen fam; er reißt die Vernunft so wenig von der Offenbarung los, daß er vielmehr nur in einer völligen Unterwerfung des ganzen Menschen unter das göttliche Licht und die göttliche Gnade seine Befähigung findet, den Glauben zum Wissen zu vermitteln. So wenig ein Wanderer an dem Orte seiner Bestimmung anlangt, wenn er gerade die entgegengesette Richtung von derjenigen einschlägt, welche zum gewünschten Ziele führt: eben so wenig kann nach Baader der Menschengeist der Wahrheit habhaft werden, wenn er sich von Demjenigen lossagt, der allein die Wahrheit ist und darum allein die Wahrheit geben kann. Endlich ist Baader weit entfernt, seine Philosopheme, wenn wir uns dieses Ausdruckes bedienen dürfen, für unfehlbar aus zu geben uns fehlbar kann ihm nur Gott und die Kirche Gottes seyn, und der einzelne Mensch nur in so weit, als sein Leben und Denken in Gott und der Kirche Gottes aufgegangen ist. Daß wir es kurz sagen: Baader will ganz die Stellung so vieler großen Kirchenväter und Scholastiker einnehmen, deren wissen

schaftliche Erörterung und Begründung der christlichen Dogmen allen Heiden und Ungläubigen und Afterchristen Achtung für die Lehre des Kreuzes und die Kirche Christi abgezwungen hat. Wir wollen daher von seiner Philosophie so wenig zu befürchten, daß sie im Gegentheil vielmehr dazu geeignet scheint, die eine, ewige, unveränderliche, objektive Wahrheit mehr und mehr der menschlichen Erkenntniß nahe zu legen, sie mehr und mehr zum innersten Eigenthume des Menschengeistes zu machen. Dabei wollen wir jedoch die unziemlichen Seitenhiebe durchaus nicht in Schuß nehmen, welche Herr Baader sich manchmal gegen die Theologen erlaubt, deren Leistungen er nicht recht kennt oder nicht recht würdigt.

Wir müssen nun noch kurz auf den Inhalt des vorliegenden Schriftchens eingehen. S. 5 - 7 drängt der Herr Verfasser die Anklage in der Athanasia in folgende Säße zusammen: „Gott wohnt in einem unzugänglichen Lichte; das innere Wesen Gottes ist uns hienieden im Lande des Glaubens unbegreiflich. Selbst Dasjenige, was uns die Offenbarung über das Verhältniß Gottes zu uns Menschen und seinen Eigenschaften kund macht, ist und bleibt Gegenstand kindlich gehorsamen Glaubens, nie stolzer Grübelei unterworfen. Die Kirche ist berufen, Göttliches, die Philosophie, Menschliches zu lehren. Die Sphäre der Kirche ist die des Ewigen, der Vernunft nicht zur Disposition gestellten; die Sphäre der Philosophie ist die des Verstandes und der Vernunft, in welcher die Gefeße des Denkens und der Inhalt des mit der Vernunft Erfaßbaren oder die Vernunftobjekte erforscht und erschöpft werden mögen. Die Philosophe darf also in Sachen der Offenbarung nicht Befehle geben, sondern sie muß solche annehmen. Nie kann die Kirche sich auf Concessionen oder Kapitulationen mit der Philosophie einlassen, wenn sie sich nicht selbst zu Grunde richten will. Ueber seine Offenbarung hat Gott nicht jeden einzelnen

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