Zwischen Utopia und Neuer Welt: die USA als Imaginationsraum in Arno Schmidts Erzählwerk

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Ergon, 2005 - 408 Seiten
Nur wenige Schauplatze haben in der deutschsprachigen Literatur so viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen wie Nordamerika: Spatestens seit Johann Gottfried Seumes Gedicht Der Wilde, seit Goethes Wilhelm Meister-Romanen nutzen Autoren diesen Ort als Projektionsflache fur ihre positiven oder negativen Gegenentwurfe zur eigenen Gesellschaft. Zu dieser Tradition, die sich bis in die Literatur der Jahrtausendwende fortsetzt, gehort auch Arno Schmidt. Denn auch Schmidt schreibt drei Romane, die teilweise oder ganz in den USA oder amerikanisch beherrschten Territorien spielen: Die Gelehrtenrepublik (1957), KAFF auch Mare Crisium (1960) und Die Schule der Atheisten (1972). Anders als bei den meisten prominenten Zeitgenossen des Autors - etwa Max Frisch, Uwe Johnson und Peter Handke - beruhen Schmidts Amerika-Beschreibungen aber nicht auf empirischen Erfahrungen des Autors und verweigern sich fast vollstandig einer mimetischen Darstellung der amerikanischen Realitat: Darin sind sie eher den grossen Amerika-Texten der Klassischen Moderne, etwa denen Kafkas und Brechts, verwandt. Schmidts Amerika-Visionen spielen stets nach einem Dritten Weltkrieg, sind auf utopischen Inseln oder desolaten Mondbasen angesiedelt. Seine USA werden vom Militar oder einem matriarchalischen Regime beherrscht und sind von Zentauren und Amazonen bevolkert. Diese dezidierte Realitatsferne erstaunt auf den ersten Blick umso mehr, als Schmidt sich durchaus mit amerikanischer Literatur auseinandersetzt und unter anderem Ubersetzungen von William Faulkner, James Fenimore Cooper und Edgar Allan Poe liefert. Dieser eklatante Widerspruch hat in der Forschung bisher kaum Aufmerksamkeit gefunden. Stefan Hoppners Arbeit ist die erste ausfuhrliche Auseinandersetzung mit dem USA-Bild in Schmidts "amerikanischen" Romanen. In Anlehnung an Michel Foucaults Konzept der Heterotopie, an Wolfgang Isers Fiktionalitatstheorie und verschiedene Ansatze aus den Postcolonial Studies wird Arno Schmidt als Vertreter einer Tradition gezeigt, die bis zu den fruhesten Reisebeschreibungen aus der Neuen Welt zuruckreicht: Amerika wird zum reinen Gegen-Raum Europas, in dem sich die innereuropaischen Konflikte modellhaft darstellen lassen. Dabei treten die mimetischen Momente des Amerikabildes gegenuber seiner Funktion als Imaginationsraum zuruck. Hoppner liefert als erster Forscher eine ausfuhrliche Analyse der Grundzuge in Schmidts USA-Bild und zeichnet deren Entwicklung durch das Werk nach. In den folgenden Teilen wird Schmidts Amerikabild aus der Perspektive der beiden literarischen Traditionen dargestellt, die es am deutlichsten pragen: die utopische Literatur und die - teils eben selbst realitatsferne - literarische Amerikadarstellung. Hoppner zeigt auf, wie Schmidt hier vielfaltige Impulse von Thomas Morus bis Jules Verne, vom mittelalterlichen Reisebericht des John Mandeville uber Karl May und Cooper bis zur Literatur der 50er Jahre rezipiert und produktiv zu einem neuartigen Amalgam formt, das in der Nachkriegsliteratur eine ganz eigenstandige Position einnimmt. Dabei werden auch die Bruche und Widerspruche innerhalb von Schmidts USA-Bild aufgezeigt.

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Inhalt

Vorbemerkung
9
II
53
III
107
Urheberrecht

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