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verletzt durch kühne Ausforderungen ihren Bruder. Was ihn hemmt, Hamlet spricht es in dem berühmten Monologe: ,, Sein oder Nichtsein“ selbst aus. Lassen wir ihn in wörtlicher Uebersetzung folgen.

„Sein oder Nichtsein? -- das ist die Frage. Ist es würdiger für uns, zu dulden die Schlingen und Pfeile des uns Schmach anthuenden Geschicks? oder die Waffen zu ergreifen gegen ein Meer von Qualen und durch Widerstand sie enden? - Sterben? Schlafen? -- Nichts weiter? - Und zu wissen, das ein Schlaf das Herzweh und die tausend Stösse endet, die Erbtheil des Fleisches sind, ist es nicht eine Vollendung, die innigst zu wünschen? - Sterben? Schlafen!

Sterben? Schlafen! - Vielleicht auch Träumen ? – Das ist das Bedenken, welches die Drangsale lang leben lässt; denn wer würde die Geissel und den Hohn der Zeit ertragen, des Unterdrückers Unbill, des stolzen Mannes Beschimpfung, das Bangen verschmähter Liebe, den Aufschub des Rechts, den Uebermuth der Aemter und die Fusstritte, die duldendes Verdienst von dem Unwürdigen empfängt, wenn er selbst den Rechnungsabschluss machen könnte mit einer blossen Pfrieme? Wer wollte Lasten tragen und grunzen und schwitzen unter einem mühebeladenen Leben? Wenn nicht die Fureht vor Etwas nach dem Tode, vor dem unentdeckten Land, aus dessen Grenzen kein Wandrer wiederkehrt, den Willen irrt und uns lieber die Uebel, die wir haben, tragen macht, als Zuflucht haben bei andern, von denen wir keine Kenntniss haben.“

Hier ist der erste Theil, eine durch Hamlets Stimmung wohlgerechtfertigte Betrachtung über den Selbstmord zu Ende. Nun folgt eine allgemeine Reflexion über die gemachte Beobachtung, dass eine zweite Vorstellung -- hier das Träumen, das Jenseits - den Willen abhält, einer ersten Vorstellung zu folgen. Nur müssen wir vorausschicken, dass das entsprechende Wort (conscience) uns hier nicht „Gewissen“ im moralischen Sinne, sondern vielmehr das Wissen, das Bewusstsein bezeichnet, das Denkvermögen, welches theils durch Zweifel, theils durch allzu scharfsinniges Erwägen des Ausganges den Entschluss lähmt. „Das Bewusstsein macht aus uns Allen Feige; in Folge dessen wird die ursprüngliche Farbe der Entschlossenheit mit dem blassen Anstrich des Gedankens überkränkelt, und Unter

nehmungen von Mark und Bedeutung biegen bei dieser Umschau von der Bahn ab und verlieren so den Namen That.“

Hier, hier ist der Schlüssel zu der Handlungsweise Hamlets.

Wie auf diesen Monolog, müssen wir in unserer Auffassung auch auf das Schauspiel den grössten Nachdruck legen. Hamlet fordert von den Schauspielern eine Probe ihrer Kunst und wählt ein Thema, das ihm gestattet, ausser sich zu sehen, was ihn innerlich beschäftigt, und verlangt daher mit Absicht eine gewisse Rede, worin die Ermordung des Königs Priamus und der Schmerz seines Weibes Hekuba erzählt wird. Unter dem Mörder schwebt ihm der Oheim; bei Hekuba's Jammer der Hochzeitsjubel seiner Mutter, bei der Klage um den todten König der todte Vater vor! Nun entsteht der Gedanke in ihm, die Macht des Schauspiels auch an seinem Gegner zu erproben, sich so endlich die Gewissheit zu verschaffen, ob Klaudius ein Mörder sei. Er wird zu diesem Zwecke selbst Dichter -- auch das ist eine That.

Frisch an's Werk, mein Kopf! Hum, hum !
Ich hab' gehört, das schuldige Geschöpfe,
Bei einem Schauspiel sitzend, durch die Kunst
Der Bühne so getroffen worden sind
Im innersten Gemüth, dass sie sogleich
Zu ihren Missethaten sich bekannt:
Denn Mord, hat er schon keine Zunge, spricht
Mit wundervollen Stimmen. Sie sollen was
Wie die Ermordung meines Vaters spielen
Vor meinem Oheim : ich will seine Blicke
Beachten, will ihn bis in's Leben prüfen:
Stutzt er, so weiss ich meinen Weg. Der Geist
Den ich gesehen, kann ein Teufel sein;
Der Teufel hat Gewalt sich zu verkleiden
In lockende Gestalt; ja und vielleicht,
Bei meiner Schwachbeit und Melancholie,
(Da er sehr mächtig ist bei solchen Geistern)
Täuscht er mich zum Verderben: ich will Grund,
Der sichrer ist. Das Schauspiel sei die Schlinge,

In die den König sein Gewissen bringe. Shakspeare bereitet der dramatischen Poesie dadurch, dass das Schauspiel zur Entlarvung des Königs führt, einen Triumph, wie Schiller in den „Kranichen des Ibykus“ und in den „Künstlern:

Vom Eumenidenchor geschrecket,
Zieht sich der Mord, auch nie entdecket,

Das Loos des Todes aus dem Lied. Der König geräth in Verwirrung, · springt auf und ruft nach Licht. Hamlet hat nun Licht. Jetzt ist der Moment da, wo er handeln soll. Sein ganzes bisheriges Zaudern ist, weil erklärbar, verziehen, wenn er nun dem Rufe des Schicksals und der eigenen Erkenntniss folgt.

Warum versäumt er jetzt - im Angesichte des bestürzten Hofes - den

, Augenblick, dieses köstliche Geschenk des Himmels? Aus dem grauenerregenden Jubel, den Hamlet bei der Entlarvung des Königs ausstösst – er lacht und ruft nach Musik, nach Flöten, singt und thut sich auf sein Schauspiel etwas zu gute kann man auf die entsetzliche Last zurückschliessen, unter der er bisher keuchte. Was ihn bisher hemmte, fliegt weg. Die Seele ist – frei! Dieses fast selige Gefühl übermannt den Unglücklichen leider so, dass der König bereits den Saal verlassen hat, ehe Hamlet zu rechter Besinnung kommt.

Wie Hamlet hat jetzt auch der König einen Moment, wo er sich mit der sittlichen Nothwendigkeit aussöhnen könnte, den des Gebets, der freiwilligen Entsagung und Busse; er lässt ihn wie Hamlet ungenutzt vorübergehen. Hamlet, auf dem Wege zu der Königin trifft den Mörder, wenigstens in der Stellung des Gebets. Hamlet ist zu der Vernichtung des Gegners entschlossen; aber er denkt jetzt mehr an die Rache als an Sühne der Unthat; diese lag ihm ob, nicht jene. Richter, doch nicht grausam soll er sein. Es ist kein Zeichen von Willensschwäche, dass er in diesem Augenbliche das Schwert sinken lässt; es gehört eher Stärke dazu, die Rache nochmals zu verzögern. Laertes, das Seitenbild Hamlet's, sagt im Kontrast zu dieser Scene: „er wolle -seinen Gegner in der Kirche erwürgen.“ Im Auftritte mit der Königin sehen wir, dass er sich wenigstens eines Theils seines Auftrags entledigt hat: im Gewissen der Mutter wie des Oheims erwacht eine nimmer ruhende Nemesis. Eine Nemesis ereilt ihn aber selbst - dafür -- dass er den Stoss nicht im Schauspieleaale geführt.

Jubelnd ruft er: „Ist's der König“ und stösst in die Tapete und tödtet

Polonius, den Horcher.

Der Himmel hat gewollt,
Um mich durch dies und dies durch mich zu strafen,

Dass ich ihm Geissel muss und Werkzeug sein. Polonius fällt mit Recht diese Stütze des entweihten Thrones -- und durch Hamlet's Hand; aber Hamlet, der jetzt unbe. wusst ein Werkzeug des Himmels war, steht auch entsetzt! Er, der einen Gedanken allseitig erwogen haben will, ehe er ihn ausführt, hat diesmal blind gehandelt. 0 Ironie des Schicksals!

Jetzt erscheint der Geist zum zweiten Male, der bis zum Schauspiele geruht. Nun hat Hamlet Gewissheit; nun mahnt er ihn.

Bei Wiederkehr besonnenen Denkens muss Hamlet das Uebereilte seiner nächtlichen Handlung erkennen und beweinen. Den Vater der Geliebten! Verwandelt tritt er vor uns, sich selbst zürnend. Selbst schuldig, kann er nun nicht als Kläger auftreten, sondern muss wie Schiller's Johanna die Strafe stumm über sich ergehen lassen. Von des Königs Leuten umgeben, bewacht, mit List auf das Schiff gelockt, wird er zu einer abentheuerlichen Fahrt gezwungen, auf der er eben sich selbst

und den Glauben an eine Gottheit wiederfindet. Wir können ibn leider nicht begleiten -- die Zeit ist vorgerückt – nicht genauer untersuchen, wie ihm beim Anblick des von Fortinbras geführten Heeres das Grundgesetz alles grossen Handelns auf

geht

Wahrhaft gross sein, heisst
Nicht ohne grossen Gegenstand sich regen;
Doh einen Strohhalm selber gross verfechten,

Wenn Ehre auf dem Spiel nicht das Schiff mit Hamlet besteigen, nicht den Uriasbrief für Rosenkranz und Güldenstern, diese feigen Heuchler, schreiben, nicht mit ihm gegen die Seeräuber kämpfen, nicht mit ihm nach Dänemark zurückkehren. Zweimal entgeht er einer grossen Lebensgefahr, kann wohl seufzen: ein Menschenleben währt nicht länger, als man Zeit braucht Eins zu sagen. Mit Gedanken der Demuth betritt er den Kirchhof; eine elegische Stimmung treibt ihn zum Orte des langersehnten Friedens. Vielleicht zieht ihn auch Ofelias verklärter Geist.

Die Kirchhofscene, in welcher der selbstgefällige Humor des Todtengräbers, für den Alles Komödie ist, grässlich mit Hainlet's Schwermuth kontrastirt, ist im Geistesgange Hamlet's von grösster Bedeutung. Der Dichter stellt ihn hier auf den Punkt der Erde, wo der stolze Philosoph aus seiner Höhe herabsinkt. Das Drama zeigt ein des Ringens und Strebens so volles Leben; plötzlich werden wir dahin versetzt, wo alles Dasein endet, wo eines Mädchens Witz so sterblich ist wie eines alten Mannes abgetragene Weisheit. Was ist hier der Mensch, der im Begreifen einem Gotte, im Handeln einem Engel gleicht? Staub. Alexander, der Weltherrscher, wie Yorik der Narr, nichts als Staub. Hier endet alles Denken, Wollen, Handeln; hier streiten nicht mehr zwei Gedanken um den Vorrang; höchstens kollern zwei Schädel nebeneinander hin. Hier ist die Frage: Sein oder Nichtsein? entschieden. Hamlet, jetzt noch in Jugendfrische, reich an Gedanken, eines wichtigen Unternehmens voll, er steht da auf dem Hofe des Friedens und ahnt nicht, er stebe schon vor seinem eigenen Grabe. Er spottet des Advokaten, dem seine Finten nichts mehr nützen; wozu werden ihm seine Ideen helfen? Werden sie die Würmer eine Minute länger abhalten? Hamlet, wo ist hier Deine Freiheit? Hier geht sie in eine ernste, mitleidslose Nothwendigkeit über. Ofelia's Leiche lehrt es Dich.

Der Mensch kann eine grosse That von einem zweifachen Standpunkte thun: von dem jugendkräftiger Begeisterung wie Fortinbraa – oder von dem einer klaren Erkenntniss des Nothwendigen, einer resignationsvollen Stimmung, die das Leben ohne Bedenken für etwas Hohes einsetzt, weil sie hier nichts mehr fürchtet, aber auch nichts mehr hofft.

Diese Stimmung trägt Hamlet aus dem Acker
Gottes heim. Der Satyriker ist zum Elegiker geworden.
Vertrauend legt er – denken wir an seine wichtige Scene mit
Horatio seine Sache und deren Ausgang in Gottes Hand.
Er wird nun früher oder später, aber gewiss zu der That
schreiten. Er weiss sich berechtigt:
Hamlet: Was dünkt dir, liegt's mir jetzo nah genug ?

Der meinen König todtschlug, meine Mutter
Zur Hure machte; zwischen die Erwählung
Und meine Hoffnungen sich eingedrängt;
Die Angel warf nach meinem eignen Leben
Mit solcher Hinterlist: ist's nicht vollkommen billig,
Mit diesem Arme dem den Lohn zu geben?
Und ist es nicht Verdammniss, diesen Krebs

An unserm Fleisch noch länger nagen lassen?
Horatio: Ihm muss von England bald gemeldet werden,

Wie dort der Ausgang des Geschäftes ist. Hamlet: Bald wird's gescheh’n: die Zwischenzeit ist mein.

Er hat demınach die von ihm geforderte That vor dem Richterstuhl der eigenen Vernunft gerechtfertigt. Wir betonen

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