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steht, dass auch wir sagen: „Jemanden zeichnen (durchpuffen)" und dass dem Romanen die Ausdrücke pangere und pingere durch die Composita ineinanderlaufen mussten (vergl. depingere, impingere), so dass also z. B. im fr. épincer das expingere (ausmalen) sehr gut als ein ex-pangere (compingere) gefasst werden konnte. Man nehme dazu den bekannten Wechsel oder Wegfall der Präposition in den Compositis und gehe z. B. v. impingere aus, so wird man der Bedeutung nach mit pincer sofort Uebereinstimmung finden. Vgl.it. spinta!

· 37. ,R a zza it., fr. race Stamm, Geschlecht.“ Das ahd. reiza liegt gewiss ferner als radius, it. razzo, raggio, woneben ein Fem. aus dem Verb. razzare, raggiare leicht gewonnen wurde. Ein Geschlecht ist gleichsam eine Ausstrahlung, und reiza heisst ja gleichfalls „Strich,“ so dass es auch in der Bedeutung vor radius Nichts voraus hätte. Das fr. Wort ist nicht unmittelbar aus radia, sondern aus dem Ital. herzuleiten.

38. „Redo im it. arredo - altfr. arroi Zurüstung, Geräthe, Putz u. s. w. Das einfache Wort hat sich im Altfr. roi Ordnung behauptet.“ Es wird behauptet, dass die lat. Sprache keine befriedigende Aufklärung gewähre; in der ersten Ausgabe war dies durch eine kleine Ausführung, Erwähnung des Verb. retare säubern (bei Gellius), unterstützt worden dies ist weggelassen. Ich glaube, ein syncopirtes rigidus starr, streng, das Merkmal der Ordnung (roi rigidum, vergl. bonum), möchte doch nicht wenig gegen jene Behauptung, dass das Lat. gar keine Auskunft gebe, einzuwenden haben; man sollte nicht sagen: „gibt," sondern hat noch keine Auskunft geben wollen."

39. „Sagire it. in Besitz setzen, pr. sazir, fr. saisir ergreifen, wegnehmen u. 8. W.“

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Auch hier wird behauptet, dass „die lat. Sprache ein Etymon verweigert.“ Ich habe aber schon auf sancire, woraus sansire, sasire, werden konnte (vergl. plaisir, loisir, maison, it. magione v. mansio), aufmerksam gemacht. Im Ital. konnte schon aus sacire (wo n wie in cochiglia schwand) sagire entstehen; vergl. piagente placens. Die Bedeutung anlangend, so heisst sancire auch ,, ver

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pönen, verbieten, daher wegnehmen, selbst in Besitz nehmen oder Andere in Besitz setzen.

40. „Sparagnare it., fr. épargner -- schonen, sparen.“ Unser „sparen“ kann ex-parare sein, wie „spenden“ ex-pendere; sparagnare wäre eine Weiterbildung: ex-para- neare; in sparmiare wäre mi nor als etwas verschiedene, mildernde Aussprache für ni zu fassen, nachdem Syncope (spar'niare) eingetreten.

41. „Sogna altit. fr. soin Sorge, Sorgfalt; fr. soigner besorgen, pflegen u. s. w.“ Ich glaube, das schwierige Wort findet, wie agio, seine Aufklärung durch suus, wovon ja auch wal. a spui stammt. Bisognare wäre bene suoneare und a giare ohne Erweiterung ad-suare, als das Seinige betrachten und behandeln. Aus ad suare ward adsiare, a sia re wie sien mit i v. suus stammt. Die Form also ist buchstäblich verzeichnet, die Bedeutung auch in den altfr. Compositis durchaus entsprechend: essoigner nicht als das Seinige anerkennen, ablehnen, sich entschuldigen, resoigner suum esse non relle, reformidare u.s.' w. Vergl. noch besoin bene suum. Qu'est-ce que c'est que le soin pour chacun? Le sien.

42. „Travaglio it. -- fr. travail, in ältester Bedeutung Drangsal, demnächst Arbeit.“ Die sehr übliche prov. Nebenform mit e, trebalh, soll scheinbar „ohne etymologischen

, Werth" sein; warum? Weil das Wort von travar (hemmen) kommen kann! Es kann aber auch tra - bajulare sein, wie ich schon früher angemerkt habe, und dann hat das e sehr grossen Werth. In tra-bajulare liegt das Ueberstehen müssen, die Drangsal, ebenfalls.

43. „Trinciare it. -- neufr. trancher u. 8. w.“ Durch meine Ableitung v. interimicare kommt Diez auf internecare, dem ich als vorkommendem Worte auch den Vorzug gebe. Ist nun für dieses schwierige Wort das Richtige gefunden, so ist die Geschichte der Entdeckung die, dass ich durch dirimere (-icare), das der Bedeutung nach besser passt, auf interimere kam und nun internecare feststeht. Lasst uns nicht müde werden zu suchen und versuchen, aber auch nicht ermüden jeden Versuch zu beachten!

44. „Tutare it. in attutare fr. tuer. Das lat.

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tutari heisst „schützen;“ ich kann mich nicht mehr durch ein vermittelndes „abwehren“ überzeugen, dass es zu den Bedeutungen „löschen, tödten“ gekommen, die Bedeutung „schützen“ ist zu allgemein und ausschliesslich. Vielleicht ist actutum v. actus, abgemacht, die Quelle: abmachen, beschleunigen, beenden. Indess heisst das Adj. tutus auch „gefahrlos“!

45. „Urtare it., pr. urtar, fr. heurter statt des alten hurter (h asp.) stossen u. s. w.“

Das mhd. hurten möchte den Romanen entlehnt sein. Ich leite v. urgere ein urgita re; vergl. faltare v. fallere, ta stare v. taxare u. s. w.

46. „Viluppo it. Wickel, Gewirr; Verb. altsp. volopar
altfr. vole per u. s. w.

Wie nahe auch volutare zu liegen scheint, so ist es doch grammatisch nicht mit dem roman. Worte zu einigen.“ Warum denn gerade soll's voluta re sein? Warum nicht, worauf ich schon früher verwies, volvere, das zur ersten Conj. übertreten konnte? So entstand volvare, volbare, volpare, vlopare (vergl. vlascum v. vasculum, fiasco), altsp. volopar u. 8. w. Die Tenuis im Auslaut eintreten zu lassen und sogar zu verdoppeln scheint bei b den Romanen sehr genehm gewesen zu sein: tropa und troppo aus turba (truba, trupa) ist ein schlagendes Beispiel. Auch groppo mag v. corbis (it. corba ein Korb voll) stammen und eine Häufung bezeichnen, wie ich schon früher anmerkte. Das Wort galoppare scheint mir auch zu unserm „Laufen“ wenig zu passen; das Galoppiren ist ein bestimmtes Schlagen des Pferdes (Aufschlag mit beiden Hinter- und Vorderfüssen, wodurch ein Wiegen entsteht) und mag daher v. colaphus (coup) stammen: colapare, colappare und mehr schallnachahmend caloppare. In Bezug auf die Entstehung v. volopar (inviluppare, envelopper) ist gerade wichtig, was der Verf. des Wörterbuchs am Schlusse dieses Artikels anführt: „In oberital. Mundarten hört man fiop für letzteres (viluppo), es wirft aber kein Licht auf die Etymologie (bei volutare, doch anders bei volvere!), da es für flop und dies für vlop (s. oben unser vlopare !) zu nehmen ist. Es begegnen einige Formen mit lp statt lop, lup: altval. (bei A. March) envolpar (ganz das dem vlopare vorhergehende volpar, s. oben!) u. 8. w.“

47. „Zap pa it. chw., sp. zapa, wal. sapę Haue, fr.

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sape Untergrabung u. s. w.“ Zappare könnte wohl eine Nebenform v. scappare, échapper, sein, auch ein ex-cappare, da man beim Ausgraben einen Hügel, gleichsam einen Hut, nebenhin wirft.

48. Zote sp. pg., sot fr., sot piem. Tropf, Pinsel U. 8. W.“ In der neuen Ausgabe ist das ital. zotico flegelhaft ausgelassen (ausgefallen?). Ich leite dies v. exoticus ausländisch, da Fremde sich oft plump benehmen, den Einheimischen gegenüber wenigstens ungeschliffen, unfein zu sein scheinen: Ländlich sittlich! In Bezug auf die Form vergl. Zaverio, Saverio v. Xaverius. Der Abfall der Endung in den anderen Formen ist die das Suffix icus häufig treffende Erscheinung; 80 wird es abgeworfen in classicum, it. chiasso u. 8. w.

Hiermit schliessend bitten wir vor Allen den verehrten Verf. des Wörterbuchs unsere Ansichten freundlichst prüfen zu wollen. Es kam uns darauf an, die Sache fördern zu helfen; wir hätten auch die erste und zweite Ausgabe, ohne eigene Versuche zu geben, eingehend vergleichen können, aber damit wäre dem Fortschritt der Etymologie wohl nicht so sehr gedient worden, so viel oder so wenig unsere Mühe hierbei nun auch zu sagen haben mag. Einen überraschenden Fall übrigens will ich nicht mit Stillschweigen übergehen; ich hatte stordire, étourdir in meinen Collectaneen auf torpidus zurückgeführt und finde nun zu meiner Freude diese Ableitung auch in der zweiten Ausgabe vom Verf. des Wörterbuchs, unabhängig von meiner noch nicht veröffentlichten Vermuthung, als ganz klar bezeichnet und aufgefunden. Also Förderung der Sache, nicht das Bestreben, Anderer Ansichten zu verdrängen, ist unser Zweck und Ziel. Ein grundreicher Mann gönnt ja auch gern Aermeren noch Etwas auf seinem grossen Aehrenfelde und

Il ne se peut ce champ tellement moissonner

Que les derniers venus n'y trouvent à glaner. Was didaktische Zwecke anbelangt, so erlaube ich mir hier zum Schluss noch einen Vorschlag.

Sehr wäre zu wünschen, dass die Fortschritte der Etymologie mehr bekannt würden und besonders der Schule zu Gute kämen, als dies bisher wirklich der Fall und möglich war. Sicherlich wäre dann das Interesse für dieses so höchst anziehende Gebiet ein weit allgemeineres, und die verkehrte Ansicht würde endlich schwinden, Etymologisiren sei Alles aus Allem (wie Fuchs aus alo- pex) machen können und Jedermanns Sache. Aber es fehlt an den geeigneten Mitteln. Die Schüler haben seit langer Zeit nur Lexica in Händen (wenigstens in den rom. Sprachen), in welchen auf Etymologie gar nicht eingegangen wird. Dies benimint den Lehrern die Gelegenheit darauf zu wirken, dass stets auch die Etymologie beachtet werde; denn Alles eigens mitzutheilen würde zu weit führen. Wie höchst lohnend und anregend aber die Jugend selbst das Forschen nach dem Ursprunge der Wörter findet, weiss ich aus eigener Erfahrung; ich habe den alten Frisch (Nouveau Dictionnaire des Passagers) als Schüler neueren Lexicis, die ich besass, stets vorgezogen, weil ich mir da zugleich die Etymologie nachsehen und das Wort dann besser behalten konnte.

Dem gerügten Uebelstande wäre leicht abzuhelfen, wenn ein kurzer, wohlfeiler Auszug aus Diez roman. Wörterbuche als nothwendige Ergänzung zu unseren Lexicis anetymologicis Schülern und Lehrern von kundiger Hand, am besten der eines Praktikers, geboten würde. Bisherige Abhülfeversuche waren theils zu theuer im Preise theils wenig dem Zweck entsprechend und gediegen zu nennen. Statt langer Vorrede gebe man eine Uebersicht der Lautübergänge, am besten tabellarisch. Vielleicht liesse sich das roman. Element des Englischen, so weit es eigenthümlich genug ist, kurz ein- oder anschliessen. Siegen.

Dr. Langensiepen.

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