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selten ausgezeichnet sind. Dafür aber hat Bacon ein ungemeines Selbstgefühl. Er legt seiner Abhandlung noch den lateinischen Titel bei: „Das Innere der Dinge.“ Er prophezeit selbst, dass sein Buch, mindestens in der lateinischen Bearbeitung, da es so in der allgemeinen und Weltsprache erscheine, so lange dauern werde, als Bücher überhaupt dauern. So vergleicht er auch seine Essais mit gewissen Silbermünzen ; zwar feines Silber und saubere Prägung, aber kleine Stücke. Wofür er aber seine Versuche bestimmt hat, sagt er sehr klar, wenn er sich freut, dass sie in die Gesinnungen und die Geschäfte der Menschen Eingang gefunden hätten.

Wenn Montaigne durchgängig nur Selbsterlebtes giebt, Grundsätze, die er in seinem eigenen Leben bewährt hat, wenn man sagen kann, sein Buch sei eigentlich der ganze Mensch, wie er ist und wie er geworden ist; so kann man nicht dasselbe von Bacon sagen. Bei Bacon geht die Objectivität leider so weit, dass man den wirklichen Menschen in einem oft allzu schneidenden Contrast mit den Regeln sieht, die er aufstellt. Keiner hat so stark wie er die Bestechlichkeit verurtheilt; keiner wie er das Unglück und die Sclaverei der Hochgestellten beklagt; keiner wie er Mässigung im Glück und Standhaftigkeit im Unglück empfohlen. Aber wegen eingestandener Bestechung ist er verurtheilt, durch seinen niedrigen und unersättlichen Ehrgeiz ist sein sittlicher Gehalt aufgesogen, durch seine Unmässigkeit und Unbesonnenheit ist er zu Grunde gerichtet worden, und dann hat er nicht einmal die Kraft gehabt, sein Unglück würdig zu ertragen.

Dieser selbe Gegensatz herrscht in der Gesinnung der beiden Männer auch in andern Punkten. Von der Ehe halten sie zwar beide nicht sehr viel, und über das weibliche Geschlecht reden beide eben nicht verbindlich. Aber Montaigne glaubt an Liebe und Freundschaft und ist selbst einer tiefen und innigen Empfindung fähig gewesen, die sein Stolz geblieben ist, und von der er gern erzählt. Bacon aber weiss, dass es eigentlich sehr wenig Freundschaft auf Erden giebt. Und welche Erfahrungen muss der Mann gemacht haben, der den paradoxen Satz ausspricht, am wenigsten Freundschaft gebe es zwischen Gleichgestellten, nur zwischen den Höhergestellten und den Untergebenen sei eine Art von Freundschaft möglich? Zu viel Studium ist nach Bacon Zeitverlust. Allerlei Dinge, die Ruhm verschaffen, vermag er aufzuzählen. Aber an den Ruhm eines Schriftstellers, eines Dichters oder Künstlers denkt er am allerwenigsten. Wenn Montaigne zu viel Herz und zu wenig scharfe Analyse, so hat Bacon zu viel scharfen und schneidenden Verstand und entschieden zu wenig Gemüth.

Interessant ist insbesondere die Art, wie die beiden Männer die höchsten sittlichen Probleme behandelten. Montaigne behandelt sie aus Princip und dann zum Theil sehr oberflächlich; Bacon kommt auf sie nur gelegentlich, dann aber zeigt er einen hohen sittlichen Ernst. Dieser Gegensatz rührt besonders von ihrer ganz verschiedenen Stellung zum Christenthum her. Montaigne hat sich in dem heftigen Parteikampf seiner Zeit zwischen dem Katholicismus und der neuen Kirche treu zu der Kirche gehalten, in der er geboren ist. Er ist überhaupt ein streng conservatives Gemüth. Nichts fürchtet er so sehr, als die rohe Hand, die das Bestehende anfasst zu Gunsten der eigenen Meinung und des Beliebens. Wer bürgt denn dafür, dass dieses Meinen und Belieben das Bessere ist dem Bestehenden gegenüber? Und wechseln nicht die Meinungen? Und ist nicht das Vertrauen auf die eigene Meinung die allergrösste Thorheit? Das gilt ihm nicht bloss vom Staat, sondern auch von der Kirche. Auch in der Kirche hängt das Grösste und Kleinste in Dogmen und Institutionen untrennbar zusammen. Er hat auch früher manche Nebenpunkte angezweifelt, aber dann eingesehen, wie auch sie für das Ganze wesentlich seien und sich der Autorität gefügt. Aber dieser Conservatismus entspringt bei ihm zum grossen Theil aus Behaglichkeit und Indifferenz, aus der Abwesenheit alles Pathos. Montaigne ist kein Feind des Christenthums. Manche seiner Darlegungen tragen entschieden den Stempel der christlichen Idee. Aber das bleibt bei ihm doch mehr oder minder äusserlich und ist weit mehr eine Negation der Verneinung, als eine wirkliche kräftige positive Ueberzeugung. Sein Katholicismus ist ihm ein ganz äusserlich Aufgeklebtes; im Grunde wurzelt seine ganze Bildung im Heidenthum. Daher stammt ihm ein Ideal der Tugend und Weisheit, das mit der christlichen Sitten- und Heilslebre, mit christ

Archiv 1. n. Sprachen. XXXI.

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licher Demuth und dem Sündenbewusstsein und Erlösungsbedürfniss kaum die entfernteste Beziehung hat. Die Tugend scheint ihm ein sehr leichtes Ding, eine sehr heitere Kunst, eine Sache des Temperaments und der Gewohnheit. Auf sittlichem Gebiete sind seine Anschauungen äusserst mangelhaft und oberflächlich bei aller ihrer Liebenswürdigkeit. Es spukt so bei ihm etwas von der verzerrten Sokratik des Rationalismus im vorigen Jahrhunderte vor. In

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heidnischer Weise beruft er sich auf die Natur und anticipirt Rousseau, wenn er den Zustand der Wilden als beneidenswerth betrachtet. Eben 80 verhält es sich mit seinen Gedanken über die Erziehung. Er möchte zu einem heitern Weltleben erziehen, vor Allem ohne Zwang und ohne viel überflüssige Gelehrsamkeit; Erweckung des freien Urtheils und des eignen Nachdenkens und Zuführung von Menschen- und Welterfahrung, das sind seine Erziehungsmittel. Die Abgründe, die in der menschlichen Natur liegen, ignorirt er ganz. Dem Tone und Charakter seiner Zeit entsprechend neigt sich Montaigne gar sehr zur Frivolität, am allermeisten in der Besprechung geschlechtlicher Verhältnisse. Er zieht dergleichen mit Vorliebe herbei, und macht unter Anderm über sich Geständnisse, deren harmlose Offenheit in Verwunderung setzen muss. Bacon ist Protestant und Engländer des 17. Jahrhunderts. Wo er daher sittliche Massstäbe anzulegen hat, da sind es die höchsten und im ernstesten Sinne aufgefassten des Christenthums. Er hat eine ungemeine Ehrerbietung vor christlichen Gedanken und christlicher Sittenlehre:

zu Gunsten praktischer Weltweisheit wird ihr untreu. Damit hängt nun noch Folgendes zusammen.

Für Montaigne sind die Alten die unbezweifelbare Autorität. Ein grosser Theil seines Buchs besteht aus Citaten aus Schriftstellern des Alterthums und aus Erzählungen antiker Geschichten. Das weiss er wohl und gesteht, dass sein Buch aus aufgelesenen Brocken insbesondere des Plutarch und Seneca zusammengesetzt sei. Den Alten ordnet er sich mit blinder Unterwürfigkeit unter. Sie sind durchaus seine Leitsterne. Auch in Gegenständen der mittelbarsten persönlichsten Lebenserfahrung, z. B. in der Frage, ob Frauenliebe ein dauerndes Glück zu verleihen

nur

er

vermöge, entscheidet er sich nach dem übereinstimmenden Urtheil . des Alterthums, und in diesem Falle also für die Verneinung. Bei Bacon wird das Verhältniss ein ganz anderes. Er kann die Alten wohl als Lehrmeister der Klugheit betrachten, aber seine sittlichen Grundsätze holt er sich anders woher. Er citirt überhaupt weit seltener als Montaigne, und unter seinen Citaten finden sich eine fast überwiegende Zahl aus der heiligen Schrift und auch wohl den Kirchenvätern. Wenn er einen Alten nennt, so fügt er wohl hinzu, es sei zu verwundern, dass dieser dies eingesehen habe, da er doch ein blosser Heide gewesen, oder er habe dies gesagt bloss als ein Philosoph und natürlicher Mensch. Manches bezeichnet er als zu hoch für das Verständniss eines Heiden.

Damit ist nun auch die ganz verschiedene Stellung zu den philosophischen Aufgaben gegeben. Wenn die Scholastik als eine Thorheit erwiesen ist; wenn die Logik des Aristoteles abgethan ist, um deren Willen sich Montaigne nie die Finger genagt hat, so bleibt diesem eben kein näherer Ausweg, als sich in die heitere und weise Lebensanschauung der Alten zu füchten und sich sonst ein freies offenes Urtheil zu erhalten und unter Anerkennung der allgemeinen Schwäche des menschlichen Urtheils das Aufschieben einer bestimmten Erklärung bis zu näherer Untersuchung für das Thunlichste zu nehmen. So findet er in der Religion, in der er zufällig geboren ist, in der Staatsverfassung, unter der er lebt, in den Sitten und Gebräuchen, die ihn umgeben, sehr Vieles, was eben nicht als das an sich Nothwendige und in der Sache Liegende zu betrachten ist: vielmehr hat es an sich nicht grössern Werth, als andere Lebens- und Glaubensformen unter andern Völkern und in andern Himmelsstrichen auch. Diese Verschiedenheit von Sitten und Gebräuchen, Denk- und Glaubensformen aufzuzählen macht ihm ein hauptsächliches Vergnügen. Aber wenn er so die Endlichkeit in der besondern Erscheinung auffindet, so ist er doch keineswegs geneigt, etwas nach seiner Meinung irgend besser machen zu wollen, weil ihm der Hauptsatz die Schwäche jedes menschlichen Urtheils ist, und er begnügt sich mit dem Vorhandenen, ihm die besten Seiten abgewinnend, und am liebsten sich von den Welthändeln zurückziehend in den Winkel seines

Hauses wie seines Herzens, wo er ungestört ist. Bacon dagegen, wenn er mit den bisher geltenden Sätzen des Denkens. und Wissens gebrochen hat, wirft sich frei und alle Brücken zur Vergangenheit abbrechend als einen Reformator auf. Das ganze Gebäude der menschlichen Wissenschaften will er neu begründen; auf der Grundlage der sinnlichen Anschauung und der Erfahrung, und mit der Methode der Induction, durch die Naturwissenschaften will er das menschliche Geschlecht regeneriren, die Herrschaft des Menschen über die Dinge erweitern, und eine im verwegensten Sinne des Wortes praktische Wissenschaft an die Stelle der bisherigen Speculationen setzen. Was er in dieser Weise geleistet hat, gehört aber nicht zu den eigentlichen Essais, und wir können hier in diesem Zusammenhange uns nicht weiter darüber verbreiten.

Wenn wir nun zum Schluss fragen: welches ist der deutsche Prosaiker, der an nationaler und literaturgeschichtlicher Bedeutung mit Montaigne und Bacon verglichen werden kann: 80 werden wir wieder finden, was sich auch sonst bestätigt; dass der Deutsche langsam, aber gründlich verfährt, und dass er seine Früchte spät, aber desto vollständiger reift. Erst wenn wir 140 Jahre nach Bacon vorwärtsgehen, finden wir den Urheber einer wahrhaft classischen deutschen Prosa in Lessing..

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