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Sonnabends, den 25. Oct. Du sagtest mir einmal selbst, dass der Enthusiasmus unserer Leidenschaft zu heftig sei, als dass er immer dauern könnte. Wenn das auch wahr wäre, 80 sehe ich doch nicht ein, warum wir uns zu oft daran erinnern, und uns vielleicht einen herrlichen Augenblick weniger machen sollten. Darf ich mich eines jetzigen Glückes nicht freuen, weil vielleicht eine Zeit kommen wird, wo ich es nicht werde geniessen können? ist es deswegen für diese Minute kein Glück? Im Alter werde ich gewiss nicht so geschwind gehen, als jetzt; aber soll ich deswegen in diesem meinem sechsundzwanzigsten Jahre schon schleichen?

Allein ich glaube auch Gründe zu haben, aus denen ich Dich versichern kann, dass meine Liebe dauerhafter sein wird, als die gewöhnlichen. Du könntest mich freilich fragen, woher ich das weiss, wenn ich nie geliebt habe; und wenn das der

; Fall wäre, so wäre die Sache noch schlimmer, weil diese erste Liebe aufgehört haben müsste.

Willst Du mir ein Bisschen Eitelkeit verzeihen, meine Beste; - weil ich von jeher ein fester, treuer Freund gewesen bin, so glaube ich auch, Dir auf immer für mein Herz bürgen zu können. Ich habe einen grossen Theil meines Stolzes in die Dauer und Stärke meiner Freundschaften gesetzt, und ich bin beinahe von keiner Seite her mit meinem Betragen so zufrieden, als von dieser. Ich habe bei dem Stockpferde Verbindungen errichtet, die - wenn Gott mich so lange leben lässt – sich mit der Krücke noch nicht endigen sollen.

Ich habe mich diese Tage hindurch viel mit Deiner Gesundheit beschäftigt. Ich sage Dir nicht, was ich dabei empfunden habe. Es würde auf Dich zurückwirken, wenn Du wüsstest, wie ich dabei gelitten habe.

Da ist beinahe wieder ein Bogen voll, und es komat mir vor, als wenn nichts daraufstände. Man wirft uns verliebten Leuten immer vor, dass wir so weitläufig schrieben; aber man bedenkt nicht, was wir uns alles zu sagen haben. Just wie jene Frau sagte: „Sie sprechen immer von vielem Trinken; aber nie von vielem Durste.“

Unterdessen müssen wir unserer lieben Müller sehr viel Dank wissen, dass sie unserm Wesen so geduldig zusieht. Ein Umgang, wie der unsrige, ist zwar für die Interessirten das Angenehmste, aber für das ganze übrige menschliche Geschlecht das Läppischste von der Welt. Unsere Freundin muss sehr viel Güte für uns haben, unsere Tändeleien mögen ihr nun wirklich angenehm sein, oder sie mag uns nur bloss nachsehen. Freilich nimmt man Leuten einen so zärtlichen Umgang vor Zeugen grösstentheils mit deswegen übel, weil man voraussetzt, dass sie sonst Zeit dazu hätten, und das ist ja der Umstand bei uns nicht.

Du sagst, wir könnten ihr vielleicht unsere Dankbarkeit durch ihren Aufenthalt bei uns thätiger beweisen. Ich verstehe das nicht. Entschliesst sie sich, bei uns zu wohnen, so ist das eine neue Güte. Ich sehe wohl ein, wie wir dadurch tiefer in ihre Schuld, aber nicht, wie wir herauskommen.

Leisewitz.

Nro. 2.

(Hannover?), den 2. Nov. 1777.

Liebe beste Seele! Ich habe diese Woche mit so vielen Excellenzen, Hochwürden, Gnaden, Hoch- und Wohlgeborenen Herren, unterthänigen und gehorsamsten Dienern und dergleichen Leuten zu thun gehabt, dass es mir doppelt lieb ist, meinem Mädchen einmal wieder sagen zu können, wie unendlich ich es liebe.

Du hast Recht, wenn Du es mir verweisest, dass ich mich entschuldige, weil ich wegen Deines Betragens in Gegenwart meiner Verwandten etwas erinnert hatte. Ich bin nicht allein Dein Liebhaber im gewöhnlichen Verstande; sondern auch Dein Freund, und eine solche Aufrichtigkeit rechne ich nicht zu den Rechten, sondern zu den PAichten der Freundschaft. Allein Du wirst auch finden, dass Dein Tadel bloss meinen Ausdruck, und nicht meine Art zu handeln trifft. Du wirst Dich erinnern, dass ich verschiedene Male in diesem Betrachte mit aller Freiheit mit Dir geredet habe; und wenn es nicht oft geschehen ist, so wirst Du nicht so unbillig sein, es mir zur Last zu legen, dass Du das Mädchen bist, an dem 80 wenig auszusetzen ist. Ueberhaupt muss Dir mein ganzes Betragen gezeigt haben, dass ich Dich nicht als eine schöne Puppe, sondern als ein vernünftiges Geschöpf betrachte. Als ich Dir meine ersten Adressen machte, sagte ich Dir etwa, 'dass Du schöne Augen, eine zierliche Nase, eine lebhafte Farbe hättest? Ich entdeckte Dir meine Geheimnisse, fragte Dich über meine Angelegenheiten um Rath. Das sind Fleuretten für ein Frauenzimmer von Verstande.

O, Sophie, was gäbe ich in diesem Augenblicke für einen einzigen Kuss !!!

Ich versichere Dich aber bei unserer Liebe, dass ich Dir jetzt nichts von der Art zu sagen, wüsste, als dass Du einer gewissen Dame *) das Uebergewicht Deiner Einsicht nicht so sehr merken liessest. Wir haben neulich schon davon gesprochen. Sie liebt Dich doch só herzlich, und ich glaube, Du könntest Dir zuweilen einen unangenehmen Augenblick ersparen. Es gehört nicht viel Verstand dazu, um einzusehen, dass ein Anderer mehr hat; und sobald Du das nicht voraussetzen kannst, muss Dein Betragen zuweilen beleidigen.

Rede ich aufrichtig, und verdiene ich nicht dadurch, dass Du mich meiner Fehler wegen erinnerst?

Wenn manches Mädchen dies lesen sollte, 80 würde es denken: „Lieber bis an den jüngsten Tag und noch acht Tage Jungfer geblieben, als einen solchen Pedanten von Mann! Das wird ein gebieterischer Ehe- Kaiser werden!“ Mademoiselle könnten sich irren. Ich habe keinen Begriff von Herrschaft in einer Gesellschaft, wie die Ehe ist, und weiss nicht, was es heissen kann, einer vernünftigen Frau befehlen; und eine Frau, der ich befehlen müsste, o davor fürchte ich mich eben 80 sehr, wie Mademoiselle vor einem Manne, der befehlen will.

Du erhältst hierbei Hartgen's Brief, und wirst aus dem Inhalte sehen, warum ich ihn Dir nicht persönlich übergab.

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*) Sophiens Tante und Pflegemutter, die Hofapothekerin Andreae zu Hannover.

Von den tausend Küssen, die ich Dir geben soll, hast Du erst einen einzigen, und ich also noch neunhundertueunundneunzig

zu Gut.

Du kannst leicht denken, dass mich jetzt die grosse Veränderung, die mir bevorsteht, sehr viel beschäftigt, dass ich tausend Plane, tausend Entwürfe mache, die mein ganzes künftiges Leben angehen, und wovon Du immer der Hauptgegenstand bist. – 0, meine Beste, ich denke immer mit Vergnügen daran, dass das beste Mittel, Dich zu verdienen, die Erfüllung meiner Pflichten ist, ich sehe, dass die Tugend, wie für alle Menschen, also auch für mich, der Weg zur Glückseligkeit ist, und dass Du eine so unzertrennliche Gesellschafterin der Tugend bist, wie die Gewissensruhe.

Freilich macht mich unsere nahe, so lange Trennung zuweilen traurig; allein ich mache mir meine Lage so bequem, als ich kann. Ich stelle mir vor, dass Du so weit von mir entfernt wärest, dass ich einige Jahre brauchte, um zu Dir zu reisen; dass eine so lange Abwesenheit von Dir an und für sich selbst eine traurige Idee ist; allein wenn ich mir denke, dass das der Preis ist, zu dem ich Dich auf immer besitzen soll, so glaube ich, einen ganz guten Handel getroffen zu haben. Jeder Preis, wozu man Dich kauft, ist wohlfeil.

Ich höre schon auf dem Saale Musik; ich muss hinauf, um Dich zu sehen. Du musst mir die Kürze dieses Briefes verzeihen. Wenn ich an Dich schreiben will, so wird meine ganze Seele so lebhaft, dass es mir ein verdriesslicher Gedanke ist, wie sich das Alles abkühlen muss, ehe es aus dem Herzen in den Kopf, und aus dem Kopfe in die Feder kommt. Doch zukünftig mal weitläufiger. Lebe wohl, lebe wohl, Sophie!

Leisewitz.

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Nro. 3.

(Hannover?), Sonntags, den 9. Nov. (1777?) Du kannst kaum glauben, beste, beste Sophie, wie begierig ich auf Deine Briefe bin. Ich wollte, dass Du mich einmal sie könntest lesen sehen; denn ich geniesse sie auf mehr, als eine Art. Anfangs durchlaufe ich sie mit der lleisshungrigkeit eines Schnitters; aber alsdann setze ich mich mit der prüfenden Aufmerksamkeit eines feinen Essers hin, um mir auch nicht die geringste Schönheit entwischen zu lassen. Und noch immer habe ich Dich, zum Vortheil Deines Kopfes und Deines Herzens, tiefer daraus kennen lernen. Wie angenehm hast Du mich hintergangen, liebes Mädchen! Wie ich anfing, Dich zu lieben, so hatte ich freilich für Dich im Ganzen die grösste Hochachtung; allein ich rechnete doch auf manchen Fehler der Menschlichkeit und der Weiblichkeit, blickte furchtsam auf die Stellen Deines Charakters hin, wo ich so etwas vermuthete, und fand so viele Vollkommenheiten, als ich Mängel befürchtet hatte. Ich sagte Dir vorigen Sonntag etwas Aehnliches, dessenungeachtet ist die Bemerkung heute auf gewisse Art neu, da ich diese Woche, und auch aus Deinem herrlichen Briefe vom vorigen Sonntage neue angenehme Entdeckungen von dieser Gattung gemacht habe.

Gutes Mädchen, eben da ich dieses schreibe, sind wir wieder unter einem Dache zusammen, und das hilft uns wieder eben so wenig, als wenn wir in einem Grabe zusammen lägen,

ohne einen Kuss, ein Wort, einen Blick, worauf jetzt unser ganzer persönlicher Umgang zusammengeschmolzen ist. Doch nichts davon! Heute bist Du sogar in dem Zimmer, worin ich so lange gewohnt habe, wo ich mich so manche Stunde mit Dir beschäftigte und den Entschluss, Dich zu lieben, fasste.

Ich würde mich sehr irren, wenn Du nicht diesen Nachmittag an mich gedacht, mich an jedem Orte in diesem Zimmer gesehen hättest.

Willst Du mir eine Anmerkung erlauben, Beste, ohne mich wie vordem unter der Gestalt eines Schulmeisters zu sehen? Mir deucht, Du vermiedest mich in Gegenwart meiner Familie zu sehr. Du machst in der That den Leuten ein übles Compliment, wenn Du ihnen nicht zutrauest, dass sie stolz auf Dich werden könnten, und von der andern Seite erreichst Du Deinen Zweck nicht, wenn Du mit Blicken und Complimenten so ängstlich um mich weggehst. Aus Deinem Betragen gegen mich kann man nur zweierlei schliessen: entweder, dass Du mich von Herzen liebst, oder von Herzen verachtest. Worauf meinst Du, dass meine Verwandten rathen werden? Du weisst nun freilich, dass mir es einerlei ist, was die Leute denken; allein

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