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Du noch vielleicht diese Woche einen Brief mehr, als Du erwartest.

Die Beschreibung, die ich Dir von dem Professor Schmid gegeben habe, ist noch unvollkommen, und ich sehe mich genöthigt, sie so zu lassen; weil es wirklich äusserst schwer sein würde, den Mann ganz zu fassen. Eigentlich hat er gar keinen Charakter, und man müsste, um ihn immer zu kennen, nicht ein, sondern tausend Gemälde von ihm machen.

Seine Frau *) ist eine vortreffliche Frau, freundschaftlich, gutherzig und eine der ersten Wirthinnen. In ihrem Hause findet man freilich nicht das Kostbarste, aber immer das Beste von Allem, wenn ihnen ihre Umstände erlauben, sich etwas aus dieser Gattung zu verschaffen. Freilich hat sie auch dabei die Fehler der guten Hauswirthinnen, eine gewisse Härte in gewissen Dingen, einen gewissen Stolz auf ihre Oekonomie, den ich aber wohl leiden mag, und eine Art von Herrschsucht, die ihr aber sehr zu verzeihen ist, weil ihr Mann gleich den ersten Tag nach der Hochzeit allen seinen Ansprüchen auf das häusliche Regiment mit dem allergrössten Vergnügen entsagte. Wenn sie also nicht regierte, so würde es zugleich Jedermann und Niemand thun, welches in dem Staate und in der Küche das grösste Unglück ist, das ich kenne.

Adieu, meine beste, ewig geliebte, Sophie, trotz aller Copulationen und Ehebanden!

Leisewitz.

Nro. 20.

Braunschweig, den 5. Septbr. 1781. Ich komme heute in der Beschreibung Deiner künftigen Bekannten auf die älteste Tochter des Professor Schmid, **) und also auf diejenige Person, mit der ich unter allen Menschen in Braunschweig, und, Dich ausgenommen, unter allen Frauen

*) Eine Tochter des 1740 verstorbenen Superintendenten zu Lüneburg, Georg Raphel, der in der Literatur als Theologe und Sprachforscher gleich rühmlich bekannt ist.

**) Sophie.

zimmern am vertrautesten umgehe. Sie ist einige Jahre über 30; allein dieses Alter kann Dir nicht zum wahren Massstabe ihrer Gesichtszüge dienen; da von einer Seite langjähriger Kummer ihre Züge alt gemacht hat, und von der andern Seite ein geistreicher Blick sie ausserordentlich hebt. Du denkst Dir das am richtigsten wie eine Winterlandschaft im Sonnenschein. Sie besitzt ungemein viel richtigen Verstand, viele Kenntnisse, das theilnehmendste Herz, und macht der üblen Laune, die mit der Krankheit auf sie eindringt, jeden Schritt streitig. Sie ist hier allgemein geliebt, und macht diese Eroberungen schleunig, da sie eine vorzügliche Gabe hat, Vertrauen zu erwecken und über das langweilige Beriechen der ersten Bekanntschaft unvermerkt wegzuglitschen. Ich habe mich oft über diese Gabe gewundert; aber noch mehr über die Art, wie sie das Alles' mit Eurer weiblichen Delicatesse zu vertragen weiss. - Die Eigenschaften, von denen ich eben rede, schliessen gern eine Anlage zur wahren Freundschaft aus; aber bei ihr nicht. Ich habe sie immer aufrichtig, theilnehmend und wovon man am ersten das Gegentheil vermuthen sollte, standhaft gefunden. Und ein solches Mädchen leidet nun schon zehn Jahre an allen Nervenübeln, die zuweilen sogar epileptisch werden. -- Doch ich habe

nun schon so manche Erfahrung, dass die besten Menschen kränkeln, um mich beinahe schämen zu können, wenn ich kerngesund würde. – Sie erträgt das unterdessen gut, und vergisst in einem guten Augenblicke zwei böse Tage, die gewesen sind, und tausend böse, die kommen werden. Unterdessen steht ihr grösster moralischer Fehler mit ihrem körperlichen in genauer Verwandtschaft. Sie hat nämlich eine überspannte Lebhaftigkeit, welche sie bei jedem Dinge hinreisst, und ich habe oft gesehen, dass sie bei dem Anfange eines häuslichen Geschäfts so viel Kraft aufwandte, dass es schon um die Mitte zu einem förmlichen Kraft-Bankerotte kam. Mit eben dieser Lebhaftigkeit steht ein gewisser Hang zür Herrschsucht in naher Verbindung. - Das Verhältniss, in dem ich mit ihr bin, ist so genau, dass es in keiner andern Lage hätte entstehen können, als in der ich war. Weder ein Ehemann, noch ein ganz freier Mensch, sondern ein Bräutigam musste ich sein. Sie ist bisher die Vertraute in Absicht unserer Liebe gewesen,

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und so begierig auf Deine Bekanntschaft, dass sie ängstlich fürchtet, sie möchte Dir nicht gefallen. Ich mag nun eben kein Freundschafts-Makler sein, und noch weniger für den Erfolg einer solchen Freundschaft einstehen; aber ich denke doch, dass es gehen soll.

Ihre zweite Schwester, *) eine ist verheirathet, **) ist ein gutes Kind; aber längst nicht so interessant, wie die ältere. Sie fühlt dieses Uebergewicht, wie sie mir oft gesagt hat, und das macht sie, wenn sie in ihrer Schwester Gesellschaft ist, etwas schüchtern. Beide lieben sich indessen zärtlich. Die jüngere liebt aber auch ihre Figur und den "Putz.

Viele Aehnlichkeit im Aeussern und Innern hat mit der jüngeren Schwester der Bruder, ***) ein Advocat, der vor einigen Monaten von Universitäten zurückgekommen ist.

Du sollst nunmehr alle Tage von mir einen Brief haben, bis Du mich selbst hast, aber von der Gattung, wie der heutige; denn von meiner Freude, Dich so bald und auf immer zu sehen, mag ich nichts sagen, es müsste denn zwischen hier und den Sonnabend eine neue Sprache erfunden werden. Ich liebe Dich!

Dein Leisewitz.

Nro. 21.

Braunschweig, den 6. Septbr. 1781. Da Du die eine Gärtnern kennst, und in ihr so ziemlich die ganze Familie, so muss ich Dir zu Deinem Troste sagen, dass ich mit den Leuten sehr wenig zu thun habe, und dass Du im Durchschnitte alle Jahr mit einer Visite abkommen kannst. Der Vater t) ist ein Pedant, die Mutter eine Sieben,

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*) Lisette. **) An Eschenburg. ***) Heinrich.

t) Carl Christ. Gärtner ist am 24. Nov. 1712 zu Freiberg geboren, und am 14. Febr. 1791 zu Braunschweig gestorben. Er war Hofrath und Professor der Beredtsamkeit, Moral und classischen Literatur am Collegio Carolino und Kanonicus des Stiftes St. Blasii zu Braunschweig. Gärtner

gegen die Hiobs Geduld noch viel eher zu kurz gekommen wäre; die Tochter doch Du kennst sie. Am besten gefällt mir noch der Sohn. Unterdessen leben die Leute unter sich

. durch häusliches Vergnügen sehr glücklich; doche aber mit allen den Nachtheilen, die eine zu häusliche Lebensart mit sich führt. Man wird Dir den Hund Zama so gut vorstellen, wie jedes andere Glied der Familie, Dich mit Küchen- und Keller-Anekdoten und mit allen Klätschereien aus der ganzen Stadt unterhalten.

Der Hofgerichts-Assessor Biel ist ein Mensch, der ausser der Erbsünde, gewiss wenig Fehler hat. Rechtschaffen, edelmüthig, von keinem ausgebreiteten, aber sehr richtigem Verstande, Herr eines grossen Vermögens, und durch den Gebrauch, den er davon macht, eines noch grösseren werth. Schätzen muss ihn also ein Jeder; aber mit Wärme lieben können ihn Wenige. Die Ursache davon liegt in einer gewissen Kälte, die er, wie man deutlich sieht, oft fühlt, ohne sie ablegen zu können; in einer zu strengen Höflichkeit und dem Hange am

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erwarb sich das Verdienst, durch Gründung der „bremer Beiträge zuerst in entschiedene Opposition gegen Gottsched zu treten, mit dem er früher, als Mitarbeiter an Schwabe's „Belustigungen des Verstandes und Witzes,“ verbunden gewesen war. Er hat sich als Uebersetzer, als Herausgeber der Werke seiner Freunde J. Ad. Schlegel und Gisecke, als Rhetoriker durch die „Sammlung einzelner Reden,“ als Dichter, namentlich auf dem Felde des Lustspiels, hervorgethan; allein sein höchster Werth bestand in seiner kritischen Begabung, die ihm im Verkebr mit seinen Freunden denselben Einfluss im leipziger Kreise sicherte, welchen im berliner ein Ramler, im göttinger ein Boie genoss. Seine Stellung als Kritiker wurde durch seine Biederkeit und Gelehrsamkeit wesentlich gehoben. Leider artete später seine Gründlichkeit in Pedanterie aus, so dass er in Braunschweig, zumal ihm eigentliche Productivität und Lehrgabe mangelte, weder bei seinen literarischen Genossen, noch bei seinen Schülern seinen früheren Einfluss zu behaupten vermochte; obgleich ihm die Achtung vor seiner Persönlichkeit bis an den Tod bewahrt blieb.

Unter dem 23. Nov. 1780 berichtet Leisewitz in seinem Tagebuche: „Zu Eschenburg gegangen, wo ich Lessingen, Schulz und Gärtnern antraf. Gärtner divertirte uns sehr, da er von dem kopenbagener Schlegel erzählte, dieser hätte die besondere Gewohnheit gehabt, auf der Strasse plötzlich still zu stehen und den Leuten nachzusehen. Der Bruder in Hannover babe ihm das oft nachgemacht, und in dem Augenblicke machte Gärtner es ihm selbst nach. Er hat diese Gewohnheit selbst in höchstem Grade an sich.“

Ceremoniell. Er hat einmal die jüngste Jerusalem geliebt; aber abgebrochen, weil diese glaubte, ihm die Sache nicht schwer genug machen zu können. Wie der Vogel weg war, waren alle Bemühungen, ihn wiederzufangen, vergeblich.

Ich will heute mit einigen Familien-Portraits, oder vielmehr Familien-Silhouetten schliessen.

Die Hanssen ist eine Frau von Verstande, und hat sich gegen mich immer sehr freundschaftlich betragen; unterdessen traue ich ihrem Charakter nicht völlig, sie ist mir zu überfein und zu überfreundlich; hat mit ihren Freunden oft gewechselt, und eine ausserordentliche Aufmerksamkeit gegen Alles, was vom Hofe kommt.

Weil wir hier keine Vettern haben: 80 haben wir uns welche gemacht, und heissen uns mit einer ganzen Menge Leute so, mit denen mein Schwager, wenn er arg will, verwandt sein kann. Unterdessen sind diese Bande des Bluts nicht sehr straff angezogen; denn wir verderben uns alle Jahr etwa einmal den Magen zusammen.

Herr Eggeling, der der Kanal ist, in dem alle diese Vetterschaften hin und her fliessen, ein Mann von sehr vortheilhafter Figur und von gutem, rechtschaffenen Charakter, äusserst pflegmatisch, hat eine gute Portion von Bürgerstolz.

Seine Frau, eine Gans, aber eine gute Gans, beschäftigt sich am meisten damit, ihre Kinder zu verzärteln und verzärteln zu lassen, welches sie erziehen heisst.

Madame Rhesen, ihre Mutter, eine burlesque Figur mit einer Perrücke, hat aber etwas mehr Verstand, als ihre Tochter.

Herr Heinrich Koch, ibr Bruder, ein sehr braver Mann, ist aber zu seinem Unglücke in Italien gewesen; denn das thut ihm mehr Schaden, als wenn er die Linie passirt wäre. Er spricht immer von Venedig und Wien, redet hier auf dem festen Lande, wie auf dem adriatischen Meere, und wenn seine Kinder Papa und Mama wissen, müssen sie gleich: „Viva San Marco lernen.

Seine Frau gefällt mir recht gut; ist nur zuweilen empfindlich.

Herr Fritz Koch, sein Bruder, ein bis zur Weichlichkeit

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