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wie man behauptet, in Paris wie anderwärts in den Literatenzirkeln nicht übermässig vorkommen soll, seinem liebenswürdigen, bescheidenen Wesen, seiner, so lange er gesund war, unverwüstlichen Laune, dann aber wohl auch dem Umstande, dass seine Erfolge nicht gerade Veranlassung zum Neide geben konnten. Sein schönes Talent, das er durch Studium und Fleiss zu bilden bemüht gewesen war, hatte vielen Genuss und Freude verschafft, aber es war nicht bedeutend genug, Missgunst zu erzeugen; er hatte es zu keinem Werke gebracht, das gestaltend in die Entwickelung der Literatur eingegriffen und die Mitstrebenden zu Anhängern oder Gegnern gemacht hätte.

Mit diesen Worten habe ich ausgesprochen, dass diese kleine Skizze keinen andern Anspruch machen kann, als den, einen Schriftsteller zweiten, meinetwegen auch dritten Ranges vorzuführen, dessen eigenthümliches Talent, wie es sich namentlich in zweien oder dreien seiner Werke ausspricht, indessen doch der Beachtung derer nicht unwerth ist, welche die Entwickelung der französischen Literatur auch in einer Periode verfolgen mögen, die in der späteren Literär-Geschichte unserer Zeit allerdings im günstigsten Falle als Uebergangsperiode zu Besserem und Gesünderem gelten wird.

Henri Murger ist im Jahre 1822 in Paris geboren, er hat es also nicht auf volle vierzig Lebensjahre gebracht. Von sehr armer Herkunft erhielt er eine Erziehung, die kaum über den allergewöhnlichsten Elemeutarunterricht hinausging. Als ganz junger Mensch trat er als Schreiber (clerc d'étude) in das Bureau eines Avoué ein. Kurz darauf, in seinem siebzehnten Lebensjahre, wurde er einem reichen in Paris lebenden Russen, dem Grafen Tolstoy empfohlen, der ihn als Secretair und Vorleser in seine Dienste nahm. Der russische Graf, wie die meisten seiner Landsleute und Standesgenossen ein Liebhaber und Kenner der französischen Sprache und Literatur, nahm von Allem Notiz, was in jener Zeit auf dem Gebiete der schönen Literatur in Frankreich irgend bedeutendes erschien, und liess es sich von seinem Secretair vorlesen. Diese fortgesetzte Lectüre regte den jungen Murger zu Studium der Literatur seiner Nation an und weckte das in ihm schlummernde productive Talent. Er begann mit lyrischen Gedichten und wagte sich dann an die Satire. Wir finden ihn in der zweiten Hälfte der dreissiger Jahre unter der Zahl jüngerer Schriftsteller, welche in Prosa und Versen gegen den berühmten Barthélemy, den einst so populären Dichter Frankreichs, bittere Angriffe richteten.

Barthélemy hatte mit seinem Freunde Méry, in dessen Gemeinschaft er im Jahre 1828 das Epos Napoléon en Égypte dichtete, welches allein beiden einen bleibenden Namen in der französischen Literaturgeschichte sichert, seine unter der Restauration mit glänzendem Erfolge gekrönten politischen Satiren auch unter der Julidynastie fortgesetzt. Als Herausgeber der Némesis schleuderten sie ein ganzes Jahr lang, Woche für Woche, ihre in Gift und Witz getauchten Pfeile gegen die Machthaber, mussten dann aber vor dem neuen Pressgesetz, welches selbst von einem in Versen geschriebenen Dichterblatte eine prosaische Kaution verlangte, die Waffen strecken. Plötzlich ging Barthélemy, als man ihm von ministerieller Seite annehmbare Bedingungen stellte, mit einer Schamlosigkeit in das Lager der Gegner über, welche allgemeine Entrüstung und jenen Sturm junger Satiriker - unter ihnen auch Murger erregte. Aber ihr Spott prallte ab vor dem stoischen Gleichmuthe Barthélemy's, welcher erst dann wieder zur Satire griff, als es mit der ministeriellen Gunst zu Ende ging. In neuester Zeit hat er dann seinen früheren dichterischen Lorbeern die Anwartschaft auf diejenigen zugefügt, durch welche die Nachwelt die Panegyriker des zweiten Kaiserreichs für die Lauheit der Zeitgenossen entschädigen wird.

Mittlerweile hatte Murger seine Stelle als Secretair bei dem russischen Grafen aufgegeben und sich ganz der Literatur gewidmet. Arm und unbekannt wie er war, ohne andere Hülfsquellen als sein Talent, konnte es nicht fehlen, dass er die ganze Stufenfolge der Enttäuschungen durchmachen musste, welcbe jeden jungen Schriftsteller und Künstler erwarten, der sich in den Strudel einer Weltstadt stürzt mit dem naiven Glauben, die göttliche Muse gewähre ihren getreuen Anhängern das Vorrecht, die Anforderungen des gemeinen irdischen Lebens ungestraft ignoriren zu dürfen. Nach vergeblichen Versuchen für seine lyrischen Gedichte, unter denen – sie sind später im Druck erschienen 80 manche hübsche Lieder sind, einen Verleger zu finden, sträubte er sich lange Zeit mit der Kraft und Ausdauer einer Natur, welche fühlt, dass sie zu Besserem bestimmt ist, gegen die Erniedrigung seines Talents zum blossen Erwerb ohne höheren Zweck, musste sich endlich aber doch der Nothwendigkeit beugen und seine Feder und einen Theil seiner Zeit in den Dienst der Winkeljournalisten geben, nur um sein Leben zu fristen.

Die fabelhafte Existenz, welche ordentliche und ausserordentliche Mitglieder des zahlreichen Schriftsteller- und Künstler - Proletariats in Paris häufig führen, jenes Gemisch von Humor, Elend und Poesie, zu dem allerdings als erste Grundbedingung, die Jugend gehört,

Dans un grenier qu'on est bien à vingt ans nach Béranger's Refrain, dies Leben der Armuth, des Leichtsinns und der genialen Liederlichkeit, die aber das bessere Selbst nicht ersterben lässt, hat Henri Murger in drastischer Weise in demjenigen seiner Werke geschildert, welches ihm zuerst einen Namen gemacht hat. Dasselbe erschien im Jahre 1848 und führt den seltsamen - Titel „Scènes de la Vie de Bohême,“ was man etwa mit „Literarisches und Künstlerisches Zigeunerleben“ übersetzen kann.

In der Vorrede dieses Buches nimmt der Verfasser für die modernen Bohémiens keine geringere geistige Abstammung in Anspruch, als die von den Sängern. Joniens, den Homeriden. Für diese fahrende Sängerschaft giebt es durch alle Zeiten und Culturepochen hiedurch eine Art Continuität. Im Mittelalter, meint er, sei sie vertreten „par les ménestrels et les improvisateurs, les enfants du gai savoir, tous les vagabonds mélodieux des campagnes de la Touraine; toutes les muses errantes qui, portant sur le dos la besace du nécessiteux et la harpe du trouvère, traversaient en chantant, les plaines du beau pays, où devait fleurir l'églantine de Clémence Isaure. Aber die heutigen Preisbewerber der Jeux floraux in Toulouse, welche im Frack und weisser Halsbinde. und in höchst anständiger, von hohen kaiserlichen Behörden mit ihrer Gegenwart beehrter Gesellschaft als maîtres és jeux floraux gekrönt werden und im grossen Saale des Kapitols*) von Toulouse die nie welkenden Blumen der Stifterin als Kampfpreis erhalten, müssen wohl aus der Art geschlagen sein. Die eigentliche Fortsetzung der ehrenwerthen Zunft fahrender Sänger haben, nach Murger, die literarischen und künstlerischen „Bohémiens“ der grossen Hauptstädte und speciell der von Paris übernommen, natürlich mit denjenigen Veränderungen des Programms, welche die staatliche und gesellschaftliche Ordnung unserer Zeit bedingen. „Les vagabonds mélodieux des campagnes portant sur le dos la besace et la harpe“ würden heut zu Tage, wenn ohne Gewerbeschein oder Concession betroffen, zum Polizei-Gewahrsam eingeliefert werden. Principielle Heimath- und Obdachlosigkeit bringt in unangenehme Conflicte mit den Bestimmungen des Strafgesetzbuches aller modernen Culturstaaten im Allgemeinen und des französischen Code pénal im Besonderen. Zwar rechnen, die Herren Pariser sich gerne zu den Südländern, und ihr Enthusiasmus bei der Januar-Kälte ihres südlichen Klimas lieber beim Kamin an der einen Seite zu braten, an der andern zu erfrieren als den nur „pour les pays du Nord“ bestimmten Ofen einzuführen ist noch immer nicht im Abnehmen. Aber eine obdachlose Lazzaroniexistenz ist wohl am Golf von Neapel möglich und auch da würde sich ein Nordländer etwas schwer an die Poesie derselben gewöhnen – an den Ufern der Seine würde sie jedenfalls bedeutende klimatische Unannehmlichkeiten bieten. Die schöne Sitte der Gastfreundschaft, welche den Dichtern der Vorzeit gestattete, von einem Gönner der

*) An dem hochgerühmten „Capitole von Toulouse, auf deutsch ,Rathhaus“ und im gewöhnlichen Nordfranzösisch „hôtel de ville“ genannt, ist dem staunenden Fremden nichts merkwürdiger als das ungeheure Aufheben, welches die ehrsamen Bürger und Bürgerinnen in Toulouse davon macben.

Kunst zum andern zu pilgern, stets beschenkt mit mehr oder weniger goldenen Ketten, wie noch Karl III. in Schiller's Jungfrau wenigstens die löbliche Absicht hat, sie den bei ihm gastirenden Sängern reichen zu lassen, diese schöne Sitte ist zu sehr aus der Mode gekommen, als dass sich nicht der moderne Pariser Bohémien nach einem festen Quartier umsehen müsste. Gewöhnlich liegt selbiges im fünften oder sechsten Stockwerk, für den Künstler schon des besseren Lichtes wegen, und, da der Denker das Geräusch der Welt hasst, stets in einem der stilleren abgelegeneren Stadtviertel. In der Regel hat also auch der „Bohémien,“ von dem unser Buch spricht, eine Wohnung. Nur ausnahmsweise, namentlich an den Quartaltagen des Wohnungswechsels begegnet es ihm wohl dann und wann, dass er einige milde Sommernächte im Freien verträumt, weil er das alte Quartier mit Hinterlassung des bescheidenen Mobiliars verlassen musste und ein neues in jeder Beziehung passendes noch nicht gefunden hat. Einer der Helden des Buches hat für solche Fälle sein bestimmtes, fast möchte man sagen für ihn reservirtes Nachtquartier in einer der Nischen des Théâtre de l'Odéon und nennt das „coucher dans une loge d'avant-scène de l'Odéon.

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Die Hauptgestalten, welche uns in Murger's Bohême vorgeführt werden, Rodolphe (der Dichter), Schaunard (der Musiker), Marcel (der Maler), Mimi und Musette (sans profession, wie ein gewissenhafter Statistiker hier hinzusetzen würde), Gestalten, die begreiflicherweise in Paris zu einer raschen Popularität gelangten, sind natürlich allgemeine Typen, zu denen aber sicherlich verschiedene wirklich vorhandene Originale, theilweise wohl der Autor selbst gesessen haben. Dass diese allerdings lebensvollen, frischen Gestalten und die Situationen, in denen sie auftreten, überall idealisirt seien, kann man leider nicht behaupten, vielmehr treibt Murger die kecke Natürlichkeit der Darstellung bisweilen bis zum Cynismus, und es kommen Scenen vor, welche statt mit einem homerischen Gelächter über den glücklich vollführten Scherz, bei einer etwas weniger gemüthlichen Wendung der Sache, eben so gut auf der Anklagebank vor dem Zuchtpolizeigericht endigen könnten. Allein auch

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