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steller, wenn sie aus einem gut und deutlich geschriebenen Manuscript bei genauer Correktur der Druckbogen sorgfältig abgedruckt worden sind, sich ohne allen Anstoss lesen lassen oder doch nur höchst selten einer Verbesserung bedürfen. Doch ist auf der andern Seite nicht zu bestreiten, dass die Textesrecension neuerer Schriftsteller unter Umständen eben, dieselben Schwierigkeiten wie die der alten Classiker verursache, nur dass wenn, was gewöhnlich der Fall ist, die Originalhandschrift nicht mehr vorhanden ist an die Stelle der Handschriften die ersten oder sorgfältigsten Drucke, und an die Stelle der Abschreiber und verbessernden Grammatiker die Setzer und Correctoren treten. Namentlich von Shakspeare weiss Jeder, der sich mit den Werken desselben in kritischer Hinsicht nur etwas beschäftigt hat, dass der Text seiner Dramen, so glatt er sich auch im Ganzen in den gewöhnlichen Ausgaben weglieset, doch vielen und gerechten Bedenken unterworfen ist. Die erste und verhältnissmässig beste Gesammtausgabe der Dramen in Folio, welche nach dem Tode Shakspeare's von Freunden desselben im Jahre 1623 besorgt wurde, und welche angeblich nach den Originalhandschriften gedruckt ist (was aber, wenn überhaupt noch Originalhandschriften gewesen sein sollten, nach den neueren Untersuchungen nur in beschränkter Weise stattgefunden haben könnte), lässt in Bezug auf Sorgfalt so viel zu wünschen übrig, dass sie weit entfernt ist, für eine wahrhaft authentische im strengen Sinne des Wortes gelten zu können, wofür sie gleichwohl von Vielen, die ihr fast überall unbedenklich beistimmen, gehalten wird. Die auf diese erste Folioausgabe im Laufe des 17. Jahrhunderts folgenden späteren Folioausgaben haben nur auf eine noch ungleich geringere Autorität Anspruch. Ausserdem ist von einzelnen Dramen bekanntlich eine grosse Anzahl meist bei Lebzeiten Shakspeare's, zum Theil aber auch erst nach dessen Tode erschienener Quartausgaben vorhanden. Einige derselben bieten höchst eilfertig und fahrlässig gedruckte und bisweilen sehr verstümmelte Texte dar, andere dagegen sind selbst genauer und sorgfältiger als die erste Folioausgabe gedruckt und haben zum Theil beim Abdruck derselben als Grundlage gedient. Somit sind sie in ihrer Gesammtheit für die Kritik von sehr verschiedenem, im Einzelnen bisweilen von ausserordentlichem Werthe, und einige gewinnen noch dadurch eine ganz besondere Bedeutung, dass sie die ursprüngliche und älteste Bearbeitung eines Dramas enthalten, welche bei einer Vergleichung mit der späteren, in der ersten Folioausgabe enthaltenen Form desselben Dramas einen höchst interessanten und belehrenden Blick in die geheime geistige Werkstatt des grossen Dichters und in dessen ästhetische Entwicklung verstattet; alle zusammen aber liefern einen ebenso reichen Vorrath von Varianten, wie nur irgend die Handschriften eines alten Classikers darzubieten im Stande sind, zwischen welchen Lesarten die richtige Wahl zu treffen derselbe Scharfsinn, dasselbe ästhetisch geläuterte Urtheil, dieselbe Kenntniss der Sprache im Allgemeinen, und des dichterischen Sprachgebrauchs Shakspeare's im Besondern, dieselbe Vertrautheit mit der Literatur, dem gesellschaftlichen und politischen Leben der Zeit, welcher der Dichter angehörte, erforderlich sind, als diese Eigenschaften bei der Bearbeitung eines altclassischen Schriftstellers in Anspruch genommen werden. Aber alle die reichen Hülfsmittel zu einer kritischen Bearbeitung Shakspeare's, welche theils längst vorhanden und bekannt waren, theils in jüngster Zeit aufgefunden worden sind, reichen zur Texteskritik des grossen Dichterheros nicht hin, sondern viele Stellen haben erst durch glückliche Conjecturen scharfsinniger Kritiker eine des Dichters würdige Form erhalten können, und einige Stellen leiden entweder in Folge der Unleserlichkeit der Urschrift oder durch die Schuld der Setzer noch heute an einem so gründlichen Verderbniss, dass es noch keinem der bisherigen Bearbeiter Shakspeare's gelungen ist, eine Heilung des VerderbDisses oder eine genügende Erklärung desselben aufzufinden.

Von dieser Art sind die beiden folgenden Stellen, deren Lesarten durchaus sinnlos sind. Zur Deutung der ersten ist, so viel ich weiss, nicht einmal ein Anlauf gemacht worden; zur Erklärung und Verbesserung der zweiten sind zwar mancherlei Versuche angestellt, von denen aber die einen als gänzlich verfehlt, die andern als wenig annehmbar gelten müssen. Wenn auch ich mich an diese fast verzweifelten Stellen wage und an die Lösung der in denselben verborgenen Räthsel schreite: so geschieht dies nicht mit der Anmassung, mit Bestimmtheit das einzig Richtige und Wahre getroffen zu haben, sondern (wenigstens in Betreff der zweiten Stelle, während ich allerdings zu glauben geneigt bin, dass für die erste Stelle eine einfachere und leichtere Deutung kaum sich finden lassen dürfte) in der Ueberzeugung von der Möglichkeit eines Irrthums, aber mit dem Wunsche, sachkundige Leser zu einer gründlichen Prüfung meiner Ansicht zu veranlassen und dadurch, ohne selbst an den Stellen zum Oedipus zu werden, doch vielleicht die Lösung des Räthsels anzuregen und zu fördern.

Die erste der Stellen, die ich zu behandeln gedenke, findet sich im Timon von Athen, wo gegen den Schluss der vierten Scene des dritten Aufzuges Timon's Worte nach den gewöhnlichen Ausgaben folgendermassen lauten:

So fitly? Go, bid all my friends again,
Lucius, Lucullus, and Sempronius; all :

I'll once more feast the rascals. Dies klingt nun allerdings sehr unverfänglich, und es ist klar und deutlich genug; schlagen wir aber die Folioausgabe von 1623, in welcher der Timon zum ersten Male erschien (Quartausgaben des Timon giebt es nicht), oder auch die Ausgabe Malone’s oder Collier's auf, welche uns die Worte getreu nach der ersten Folioausgabe darbieten: so finden wir, dass die zweite Zeile ursprünglich lautete:

Lucius, Lucullus, and Sempronius, Vllorxa all: wo das zwischen Sempronius und all stehende Vllorxa nicht bloss das Metrum stört, sondern auch als völlig sinn- und bedeutungs erscheint.

Die Herausgeber seit der zweiten Folioausgabe von 1632, welche richtig erkannten, dass Vllorxa (oder Ullorxa nach der neueren Art zu drucken) unmöglich ein griechischer oder römischer Name wie die drei vorangegangenen der falschen Freunde Timon's sein könne, und die auch sonst mit diesem höchst sonderbaren und unverständlichen Ullorxa nichts anzufangen wussten, zerhieben den Knoten, anstatt ihn zu lösen, indem sie das anstössige und überflüssig, ja unsinnig erscheinende Ullorxa einfach ausstrichen. Hier drängt sich aber das Bedenken auf, dass dieses allerdings verdächtige und räthsel

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hafte Ullorxa, wenn es auch wegen Unleserlichkeit der Schriftzüge etwas im Druck entstellt sein sollte, doch von den Freun-, den Shakspeare's, die das Stück entweder nach dem Manuscript des Dichters oder zum wenigsten nach einem Theatermanuscript herausgaben, in deinselben müsse vorgefunden worden sein, und dass es doch nicht ganz ohne alle Absicht von dem Dichter hinzugefügt sein könne. Lässt sich nun diesem seltsamen Ullorxa gar keine Deutung abgewinnen und gar keine Absicht bei diesem Einschiebsel ausfindig machen? Um diese Frage zu beantworten, ist es erforderlich, Inhalt und Zusammenhang der Stelle etwas genauer in's Auge zu fassen. Timon ist von seinen vermeintlichen Freunden, die er früher glänzend bewirthet und reich beschenkt hatte, in seiner Geldverlegenheit im Stiche gelassen worden; um sich an ihnen zu rächen, will cr sie noch einmal zu einem anscheinend prunkvollen Gelage einladen, und dass keiner dieser schurkischen Freunde fehle, dass sie alle insgesammt noch einmal bei ihm erscheinen sollen, damit er sie wegen ihrer Nichtswürdigkeit verhöhne, wird wiederholt und mit Nachdruck hervorgehoben. Timon befiehlt daher seinem Haushofmeister Flavius nicht allein die oben angeführten Worte: Go, bid all my friends again ... all; sondern auf die Einwendung des Flavius erklärt er von Neuem: invite them all, und spricht überdies von einer „Fluth von Schuften,“ die er bei sich sehen will: let in the tide of knaves once more. In einer spätern Scene (Act III, Sc. 6) erscheint nun wirklich eine zahlreiche Gesellschaft von Gästen: ausser drei Herren, die sich zu Anfange der Scene unterhalten, wird am Schlusse derselben noch ein vierter redend eingeführt, der bei der eiligen Flucht, welche die Gäste ergreifen, Mütze und Mantel verloren hat; ausserdem heisst es in der Mitte der Scene einmal ausdrücklich: Some speak, und unmittelbar darauf: Some other. Kurz, wir haben uns einen mit Gästen reichgefüllten Festsaal zu denken; und daher reichen für die Einladung die drei an unserer Stelle genannten Namen Lucius, Lucullus und Sempronius offenbar lange nicht hin, sondern ausser diesen drei, welche Timon voranstellt, weil sie uns in den drei ersten Scenen des dritten Actes als treulose, undankbare Freunde besonders vorgeführt werden, dürften wir noch eine Anzahl anderer, Namen

erwarten, damit eine ähnliche Gesellschaft zusammenkomme, wie sie uns Act 1, Scene 2 vorgeführt wird. Selbst wenn in dem, zu den drei falschen Freunden hinzugefügten Ullorxa der entstellte Name eines vierten Freundes enthalten sein sollte, 60 würde dies nicht genügen, da wir (abgesehen von Alcibiades, den wir zur Zeit der zweiten Einladung schon als verbannt zu denken haben) unter den in der 2. Scene des 1. Acts Eingeladenen auch mehrere athenische Senatoren und namentlich einen gewissen dem Timon besonders verpflichteten Ventidius finden, welche sich ebenfalls als schlechte Freunde erwiesen haben, da Timon gegen Ende des 2. Acts auch an sie Diener um ein Anlehen aussendet, die aber eben so wenig als die an Lucius, Lucullus und Sempronius geschickten etwas ausrichten. Sehr unwahrscheinlich also ist es, dass Shakspeare einen sonst gar nicht erwähnten Freund namhaft gemacht, den vor allen andern durch Undankbarkeit ausgezeichneten Ventidius dagegen vergessen haben sollte. Ich stelle mir daher vor, dass Shakspeare die Absicht hatte, den Timon eine Reihe von Namen nennen zu lassen, welche hinreichend war, die Vorstellung einer ansehnlichen Gastgesellschaft zu erwecken (also im Ganzen etwa 7 bis 10 Namen), dass ihm aber ausser den drei, in den 80 eben vorangegangenen Scenen vorgekommenen Lucius, Lueullus und Sempronius nicht gleich genug andere passende Namen einfielen, und dass er, um sich mit der Auffindung solcher Namen nicht länger aufzuhalten, dies dem Schauspieler überlassen und durch eine hinter dem Namen des Sempronius beigefügte Bemerkung andeuten wollte, ungefähr wie viele Namen überhaupt genannt werden sollten. In dem Vllorxa sehe ich also nichts anderes als die Zahl der Namen, deren Aufzählung dem Dichter erforderlich erschien, und ich löse das geheimnissvolle Vllorxa demnach auf in VII or X, das ist Seven

ten. Das römische Zahlzeichen für 7 konnte leicht für die Buchstaben VII, und das für 10 für ein X angesehen werden, die drei Worte aber, wenn sie dicht nebeneinander geschrieben waren, für ein einziges Wort, und zwar für ein Nomen proprium wie die drei vorhergehenden gehalten werden, wofür die neueren Bearbeiter des Shakspeare es auch in der That angesehen haben, wie denn z. B. Steevens das Ullorxa

or

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