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Wahl der Mittel, Reichthum oder Armuth an solchen, Aengstlichkeit oder zu frühe Siegesgewissheit, Gunst oder Ungunst der Zeit, Harmonie oder Disharmonie mit dem höchsten Willen.

Ist nun der Inhalt unserer Dichtung die schwere Geburt der That, so hat mein Eingang seinen Zweck erfüllt, wenn er Sie zu demuthsvollen Ansichten über Freiheit und Thatkraft stimmte. Wir werden dann Hamlet nicht mehr so voreilig als willensschwach und unkräftig bezeichnen, eher unserer eigenen Schwäche, des Hamlets in uns gedenken.

Der Freiheit des Menschen steht die höhere Nothwendigkeit gegenüber. Wir können im Geiste der Weltordnung handeln, wir können sie aber auch verneinen. Das Böse ist diese Verneinung. Die verletzte sittliche Nothwendigkeit erhebt sich aber und beruft ihren Wiederhersteller, der König unterliegt dem Schwerte Hamlet'e. Ihre Rache kann sich auf eine dreifache Weise vollziehen – durch die Selbstzerstörung des Bösen: denken wir an den König im Gebet durch ein noch böseres Individuum wie im Richard III. durch die Macht des Guten, einen Kampf, der ein wahres Gottesurtheil enthält.

Wie eine Trennung, so gibt es aber auch eine Versöhnung zwischen Nothwendigkeit und Freiheit. Sind sie doch schon in Gott Eines. Gott ist der Freieste, der Macht zu wollen nach, und doch kann er, ja muss er nur Eines, das Weiseste wollen. Der Engel, um mit diesem von Hamlet gebrauchten Worte die über uns stehenden entwickelteren Geister zu bezeichnen, werden sich wol dadurch auszeichnen, dass sie den Versöhnungsakt der Nothwendigkeit und Freiheit immer mehr in ihrer Brust vollziehen. Frei ist der Mensch am meisten dann, wenn er das Mass der hier uns zustehenden Freiheit erkennt, das höchste Gesetz in seiner Brust aufnimmt, sich frei macht von den Hemmnissen der Erde und frei erhält, jederzeit bereit, dem Rufe zu folgen, wenn wir uns in einer Sache als ein erwähltes Werkzeug der Vorsehung erkennen. Zu dieser Freiheit wollen wir Hamlet empor geleiten.

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Archiv f. 1. Sprachen. XXXI.

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Hamlet wurde unter einem glänzenden Sterne, am Tage des Sieges seines Vaters über den alten Fortinbras geboren. Von der Liebe behütet, von den Hoffnungen eines Königsthrones umgaukelt, wächst er nur zu glücklich heran. Geneigt, zu

, idealisiren und das Einzelne zu verallgemeinern, ist ihm der Vater das Ideal des Mannes, die Mutter das Ideal des Weibes. Des Familienglückes geniessend ahnt er kaum, dass es auch für ihn ein Schicksal gebe; die Harmonie seines Innern lässt ihn noch die Disharmonie der Welt überhören. () der schönen, irrthumreichen Zeit, in der wir überall Ideale, überall Liebe und Freundschaft, überall Wahrheit und Treue sehen! Wie reich war Hamlet und ist Jeder, dem das edle Bild eines Vaters vorschwebt, der bereits mit starker Hand den Lebensgang vorzeichnet, den die Familie gehen, an dessen Gedächtniss sie sich zu aller Zeit aufringen kann wenn ihm das tröstende Antlitz einer Mutter bleibt, eine Bürgschaft, dass Tugend noch möglich sei, auf dass der Mensch im Taumel der Welt wenigstens Ein Wesen habe, auf dessen Reinheit er schwören kann

Hamlet ist ein Charakter des Nordens, wo alles Leben ernster und innerlicher, wo der Mensch aus einer tieferen Seele emporsteigen muss, um mit der Aussenwelt in Berührung zu kommen. Die Flöte, das Tonwerkzeug der Sehnsucht, in der Hand des Prinzen nährt diese subjektive Richtung und vor Allem der Besuch Wittenbergs. Hieher und nicht nach Paris sendet. ibn der ernste, bildungsfreundliche Vater. Der Ort bleibt ihm auch später in so liebevoller Erinnerung, dass er ihm auf der Höhe seines Schmerzes mitten in der verpesteten Welt wie eine rettende Insel erscheint. Dass die Filosofie an sich die Lebensfreude und Thatkraft noch nicht ausschliesst, sehen wir am Faust. Dieser war aber freilich ein Anhänger der mystischen, Wunder und Geheimnisse und tiefe Beziehungen überall mit süssem Schauer ahnenden, den Erdgeist beschwörenden Filosofie, die bei allen Irrthümern doch einen Blick für die Natur behielt, die am Studirtische sich auch noch des glänzenden Mondes freut. Hamlet scheint hingegen der scholastischen Filosofie verfallen zu sein, die sich in der Erörterung unpraktischer und am Ende auch unlösbarer Fragen gefiel, vom Leben sich trennend, in Haarspaltereien und Spitzfindigkeiten erging. So

lange unser Held glücklich war, mochte ihm diese Filosofie
noch nicht sehr gefährlich sein, blos ein Turngeräth seines
Geistes. Als aber der Boden, unter ihm zu wanken, er zu
grübeln beginnt, da taucht der schlimme Satz auf: „An sich
ist nichts gut oder böse. Das Denken macht es erst dazu.“
Das Denken! da ist freilich eine weite Bahn zu unfruchtbarer
Beschaulichkeit geöffnet; da kann eine Vorstellung nur schwer
dahin kommen, auf den Willen einzuwirken. Ueber Alles er-
giesst sich die ätzende Säure des Zweifels! Am gefährlichsten
für einen Mann wie Hamlet, dessen überreiche Fantasie, wenn
er einmal zu zweifeln beginnt, alle möglichen Handlungsweisen
und deren Folgen auszumalen versteht

Wie ein Mann, der Zweierlei soll thun,
Steb' ich in Zweifel, was zuerst ich wähle,

Und lasse Beides.
Die gewöhnliche Annahme, Hamlet sei erst auf die Nach-
richt vom Tode seines Vaters heimgekehrt, lässt sich nicht
rechtfertigen. Das Gegentheil erweist sich aus dem Gespräche
mit Horatio, den er nicht einmal augenblicklich erkennt,
eben eine längere Trennung voraussetzt. Auch würde er mit
Horatio heimgekehrt sein, der ja ausdrücklich erklärt, zum
Trauerfest gekommen zu sein. Gerade, dass das Unselige in
Hamlets nächster Nähe geschieht, schmettert ihn nieder. In der
Ferne wäre er vielleicht, wie Laertes in Paris, mehr Herr der
Situation gewesen, hätte sich auf der Reise gesammelt. Gerade
in die Zeit zwischen dem Besuch der Hochschule und dem
Tode des Vaters fällt die Liebe zu Ophelia. Während
Hamlet sich mit hohen Idealen trug und auf die Krone blickte,
stand da ein Wesen in sanfter Ruhe vor ihm, der Knospe gleich,
die stillträumend ihren Kelch entfaltet. Auf ihrer Stirne hatte

. nie ein unruhiger Gedanke gelagert; erst Hamlets Liebesflüstern ruft die kleinen Wünsche ihres Herzens wach. Ophelia könnte wol kaum eine andere poetische Gestalt so schnell als ihre Schwester erkennen denn Gretchen; auch diese ist reine Weiblichkeit, die -- nichts erwägend und bedenkend - nichts sein will als Weib, und dessen Dichten und Trachten daher ganz in Liebe aufgeht. Männer von so hohem edlen Werthe wie Faust und Hamlet konnten nur Wesen wie Gretchen und

was

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voll und ganz

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Ophelia lieben - dass Hamlet liebt, soll ich es noch beweisen?

denn daran erkennen wir den echten Mann, dass er an den leiblich und geistig geschminkten Puppen vorübergeht und die einfache weibliche Natur aufsucht, die Knospe, die – noch unerschlossen – nichts als liebende Empfänglichkeit aber die

mitbringt. Zur Natur selbst, von der sie in ihrem Ringen und Streben abgekommen, kehren daher Faust und Hamlet zurück, wenn sie das forschende Auge auf den unschuldvollen, von Zweifel unberührten Gestalten eines Gretchens, einer Ophelia ruhen lassen. Sie verflechten aber dadurch die geliebten Wesen mit in ihr Schicksal. Die milde Vorsehung umnachtet zuletzt den Geist Beider. Nichtsein - und Wahnsinn ist auch ein Nichtsein - ist oft Glück.

Auf diesen Königsjüngling mit dem Busen voll Liebe und idealer Richtung, auch in den ritterlichen Künsten ein Meister, blickt ein Volk mit Hoffnung, und er selbst hofft, seine Plane mit königlicher Freiheit ausbauen zu können. Wie -?- Dafür bürgt das Wort eines Fortinbras: auf den Thron gelangt hätte sich Hamlet königlich bewährt. Sophokles im Philoktet:

Wer frei von Leiden ist, denke, dass Gefahren nah,
Und wenn des Glückes Sonne scheint, so sei der Mensch

Vor unverhofftem Untergang am meisten wach. Wie ein Blitz aus blauem Himmel schlägt den Allzuglücklichen der Tod des Vaters nieder, des vergötterten! Die eine Säule, die ihm die Welt zu tragen schien, stürzt ein. Die Versunkenheit in wühlenden Schmerz benützt der schlaue Klaudius, der Mann des Staatsstreichs, und drängt sich ein „zwischen Hamlets Hoffnungen und der freien Wahl. Einmal gewählt ist er im Recht; eine Erhebung gegen ihn wäre Aufstand. Das ist der zweite Schlag. Die Zukunft ist dahin, sein ganzer schöngezeichneter Lebensplan. Bitter lehnt er nun den Ehrgeiz ab und will sich, in einer Nussschale eingeschlossen, einen König träumen! Doch - Einen Trost hat er noch, Ein Wesen, das seinen Schmerz verstehen, das mit ihm weinen muss, wenn alle Andern nach einem Lächeln des neuen Königs haschen. . . . Er eilt zu der Mutter ... und findet sie als Braut des neuen Königs wieder. Mit ihr verliert er die zweite Säule seiner

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Welt; zwischen den Trümmern wuchert seinem Auge nur noch Unkraut. Ophelia blüht unter ihnen wie ein vergessenes Veilchen.

Der König Klaudius ist in Vielem der Gegensatz zu Hamlet, ohne alle Idealität, die Wirklichkeit ergreifend, ein Fürst im Sinne des Macchiavelli. Die königliche Eintagsfliege glaubt wie Hamlet, es liege in des Menschen Hand, mittelst unsers Gedankens den Gang der Dinge zu beherrschen; auch er soll und wird daran gemahnt werden, dass dem Einzel willen der Gesammtwille, der höchste Wille gegenüberstehe. So bedenklich Hamlet, so entschlossen ist Klaudius; nicht etwa, weil er willenskräftiger, sondern weil er klar über das ist, was er will. Beide fragen sich ängstlich, was kommen könne; während aber die bedachten Eventualitäten Hamlet im Handeln hemmen, nöthigen sie den König zum Handeln. Doch vergeblich greift dieser in das Rad der Geschichte, er bestellt sich selbst die Waffe, durch die er fällt, während er durch sie zu steigen hoffte!

Klaudius braucht, um seinen Willen durchzusetzen, willenlose Werkzeuge wie Polonius. Dieser steht neben Hamlet wie Spiegelberg neben Karl Moor. Er ist Hamlets Parodie. Auch er hat die hohe Schule besucht; während aber Hamlet die Wissenschaft in sein Inneres anfnahm, blieb sie bei Polonius nur äusserlich haften. Worte sind ihm nicht blos ein Mittel, sondern der Zweck. Die Form ist ihm Alles. Wenn Hamlet den König auszuspäben sucht, so wird dieses Streben an Polonius durch Uebertreibung lächerlich. An jedem Ohr ein Hörer, will er die Wahrheit selbst aus dem Mittelpunkte der Erde herauskombiniren. Hamlet ist fern sichtig; weil sein Blick in die Weite eilt, übersieht er das Nächste. Polonius ist kur z sichtig; nur Nahes sieht er halb und halb und hat für die Ferne kein Auge. Hamlet entzieht sich dem höchsten Willen und will nicht blindlings Werkzeug sein; Polonius, die geborne Höflingsnatur, hat sich eigenen Verstand und Willen abgewöhnt und schmachtet nach der Ehre, stets und nichts als Werkzeug zu sein.

Hamlet muss mit Verachtung auf diesen Hof blicken; er wird zum Satyriker, der, weil er seine Ideale bedroht, ja zertrümmert siebt, die Wirklichkeit geisselt. Ein böses Ahnen geht durch seip profetisches Gemüth („Ich vermuthe was von

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