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dauer folgt er Herrn d'Assailly, zum Theil Schritt für Schritt, und weist ihm zahlreiche Irrthümer, Entstellungen, Missdeutungen, Modernisirungen, kleine Betrügereien u. 8. w. nach. Das Verzeichniss derselben hätte sich noch bedeutend vermehren lassen, ich beziehe mich im Folgenden mehrfach auf den Artikel, und benutze diese Gelegenheit zunächst, eine allgemeine Bemerkung zu machen. - Im Grossen und Ganzen bringt ein Deutscher ich spreche nicht von Literaten, sondern von denen, welche wissenschaftliche Bücher schreiben wollen, von Gelghrten wenn er an die Ausarbeitung eines Werkes geht, eben doch grosse Liebe zu seinem Gegenstande mit, er studirt, um sich zu genügen, es ist die Forschung selbst, die ihm Vergnügen macht; und wenn er auch sicher wäre, dass Niemand je ihm einen Irrthum nachweisen würde, so erlaubt ihm eben sein schriftstellerisches Gewissen nicht, zur Aufhellung eines dunkeln oder zweifelhaften Punktes nicht sein Möglichstes zu thun, und wie Viele, die dem Gegenstand ihrer Studien nach nie auf grosse Anerkennung oder pecuniären Vortheil rechnen können, arbeiten eben ihr Leben lang an irgend einem bescheidenen Werke unverdrossen und fast ungekannt. Das ist nun in Frankreich weit weniger der Fall, diese Art Gewissenhaftigkeit ist seltener vorhanden, es kommt meist einem Franzosen weniger darauf an, auch einmal ein Dutzend unerwiesener Behauptungen in die Welt zu senden, diese Liebe zur Arbeit der Arbeit willen ist ihm fremder, er will ein greifbares Ziel, und er hat bei seinen Forschungen nebenbei noch ein politisches oder kirchliches Resultat sehr oft im Auge. Der junge Mann, wenn er die schriftstellerische Laufbahn beginnt, fragt sich in der Regel: welches ist das Mittel, wodurch du am schnellsten bekannt wirst, einen Namen gewinnst, und er wird meist seine Studien demgemäss einrichten; es wird ihm nicht sowohl wichtig sein, seiner Arbeit die grösste, innere Vollendung zu geben, als ihr den meisten Erfolg zu sichern; daher denn die auf den Styl verwandte Sorgfalt, das häufige Haschen nach Effect und die Ungründlichkeit. Der Franzose Perrens, der kürzlich in dem Journal de l'Instruction publique eine Uebersicht der in den letzten Jahren für das Doctorat veröffentlichten Thesen gab, fühlt das selbst. Par malheur, sagt er,

n'écrivant pas comme les Allemands, pour notre satisfaction subjective, nous voulons toujours faire un acte dont les effets soient immédiatement sensibles à nos propres yeux, nous sonmes en quête d'un public, d'un auditoire le plus considérable qu'il est possible. Darum, meint er, geschehe jetzt so wenig für das classische Alterthum, am ehesten leisteten darin noch die Doctoranden aus den östlichen Provinzen etwas, où ils ont pu prendre dans une certaine mesure l'empreinte du génie allemand.

Das Buch d'Assailly's, den ich gar nicht allein für die ganze Richtung verantwortlich mache, liefert mir ebenfalls einen Beweis für diese Behauptung; es war ihm weniger wichtig, sich eine gründliche Kenntniss des Gegenstandes zu erwerben, als nur möglichst rasch ein geschickt geschriebenes Buch in die Welt zu senden; es liegt darin aber doch ein Mangel an Respect vor Wissenschaft und ernster Forschung; man begnügt sich mit dem Schein der Gelehrsamkeit, statt wirklich kenntnissreich zu sein, man ist weniger mit dem Gegenstand als mit seiner Persönlichkeit beschäftigt, für die der Stoff nur als Mittel dienen muss zu glänzen und seinen Geist zu zeigen; und es nimmt einen etwas Wunder, wie Männer, die im Privatleben sicher sehr Anstand nehmen würden, irgend eine Unwahrheit sich zu Schulden kommen zu lassen, als Schriftsteller vor kleinen Täuschungen des Publicums durchaus nicht zurückbeben. D’Assailly gibt sich z. B. die Miene, die Minnesänger gründlich zu kennen, und er hat den Stoff so geschickt zu arrangiren gewusst, dass es ihm gelungen ist, fast alle Kritiker zu täuschen. Da heisst es: Le Lai d'amour, dont les manuscrits de Vienne et de Weimar ont conservé 39 strophes, est une des plus charmantes compositions du Minnesinger, aber wozu diese in jedem Falle ganz überflüssige Erwähnung der Manuscripte hier, da er ja doch dieselben nicht eingesehen hat und Alles gedruckt ist. Da sagt er: Les Minnesinger sont dignes d'être mis en lumière. Ils méritent qu'on secoue pour eux la poussière des bibliothéques et qu'on s'arrête devant ces manuscrits du moyen âge, so dass jeder Uneingeweihte in Wahrheit glauben möchte, die Sachen liegen nur in Handschriften vor und d’Assailly sei etwa der erste, der ihre inter

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essante Bekanntschaft gemacht. Er nennt in dem Anhange einige Dutzend Handschriften und gibt Details über sie, und doch hat er das Alles nur aus Hagen geschöpft, und er, dessen Kenntniss des Mitteldeutschen so gar ungenügend, würde noch weniger im Stande sein, es in. Handschriften zu entziffern, das Alles verlangt auch Niemand von ihm für seinen Zweck, er hatte sich nur an die besten Ausgaben zu halten, und es wäre ihm nur zu wünschen gewesen, dass er, um zahlreiche Fehler zu vermeiden, wenigstens die Neudeutschungen von Simrock, San Marte u. s. w. zur Hand genommen, und dass er, statt mitunter Hagensche Analysen von Gedichten statt dieser selbst zu übersetzen, diese selbst eingesehen hätte. Er sagt ausdrücklich: Si vous parcourez jamais le précieux manuscrit de Manesse, vous remarquerez sur l'une des pages une peinture assez grossière, haute en couleur, pauvre en dessin, roide et cependant d'une remarquable élégance etc. Und doch hat schon Pey bemerkt, dass er diese Miniatur, die er so genau beschreibt, unmöglich habe ansehen können, weil in derselben Gottfried keinen Falken in der Hand halte; vielmehr habe er eben die fertige Hagensche Beschreibung genommen, wobei ihm denn nun begegnet zu sein scheint, einen Griffel, der sich in des Dichters Hand befindet, mit Greif zu verwechseln, und dieses Wort dann wieder frei mit Falke, faucon, zu übersetzen. Trotz dieser angeblichen Kenntniss der Manuscripte, und obgleich er gelegentlich Chroniken, die er citirt gefunden, nachcitirt, und trotz des Staunens der Kritiker über seine gründliche Gelehrsamkeit, hat er fast nur Hagen benutzt, er nennt ausser diesem als livres à consulter nur noch Rosenkranz und Vilmar (Marburg 1851) und fügt ein kluges ,, etc.“ hinzu. Er scheint aber von der Existenz der Lachmann und Haupt, Gervinus und Gödeke, und wie sie alle heissen, Nichts zu ahnen, und er gibt z. B. gleich im Ganzen und Grossen eine falsche Vorstellung von den Minnesängern, wenn er sagt: ils font leurs chefsd'oeuvre, comme le moissonneur fait sa gerbe, sans y songer, als wären sie reine Volksdichter und als gäbe es in ihren Gedichten nicht auch viel Kunst und selbst Künstelei.

St. Marc Girardin sagt zwar: le livre nous fait aussi connaître l'histoire morale et politique de ce moyen âge; ich habe aber keine leidliche ausreichende Kenntniss desselben wahrnehmen können, nur manche Irrthümer und Willkürlichkeiten gefunden. Da heisst es z. B, Friedrich II. habe den Aufforderungen, seine Expedition zu unternehmen, nur immer entgegnet: demain, ce grand réfuge des impuissants, wie wenn der Kaiser aus Ohnmacht und Schwäche den Kreuzzug, für den d’Assailly begeistert ist, aufgeschoben hätte; da nennt er diesen so thatkräftigen und grossen, wenn auch genussliebenden Kaiser einen deutschen Sardanapal; und dass das Buch wirklich ein gefärbtes Bild der Zeit gibt, beweist der Eindruck, den es auf Girardin gemacht, der nun das Dahinschwinden jener Zeit, wo die Frau so viel gegolten, wo Alles so idealistisch gewesen, bedauert. Eine nähere Kenntniss der Dichter schon würde ihn vielleicht eines Bessern belehrt und ihm gezeigt haben, dass dieselben gar nicht bloss so spiritualistisch platonisch liebten, und die Culturgeschichte jener Zeit würde ihm ohne Zweifel noch ganz andere Seiten enthüllen. Freilich entstellt auch d'Assailly, das Bild seiner Dichter etwas, um aus ihnen möglichst glühende, ascetische Katholiken zu machen, bei Ulrich verweist er die Scene, wo dieser von der geliebten Frau Gunst verlangt und von dieser so unsanft behandelt wird, in den Anhang; bei Walter lässt er die sinnlichen Liebesgedichte, die poetisch wohl die vollendetsten sind, ganz unerwähnt, und lässt ihn vorzugsweise an das heilige Grab denken; und Gottfried, weil er auch eine Hymne auf die Jungfrau gedichtet, s'est fait chrétien fervent ou philosophe austère vers le déclin de ses jours, wobei es ihm denn auf den Widerspruch nicht ankommt, dass er zugleich seinen Tristan nicht vollendet hat, weil er vom Tode überrascht, also doch bei einer sehr weltlichen Beschäftigung gestorben ist.

Aber d'Assailly färbt nicht bloss, er erfindet auch. Wir armen Deutschen wissen oft über das Leben dieser Minnesänger herzlich wenig, und nachdem ein Gelehrter alle Chroniken durchstöbert, die Gedichte befragt, in der leisesten Anspielung vielleicht nach einem Fingerzeige gesucht hat, gesteht er wohl: ich weiss fast Nichts von Gottfried oder von Wolfram. Unser Verfasser, dem es nur auf interessante Gemälle und lebhafte Schilderungen ankommt, ist viel unterrichteter, Da wir keine Nachricht darüber haben, so zweifle ich z. B., ob Friedrich II., der sich in seinen Handlungen durch die Politik bestimmen liess, je von den Gedichten des armen Walter, die ihn zum Kreuzzuge ermahnten, gross Notiz genommen hat; d'Assailly sagt: à chaque appel du chantre d'amour Frédéric tressaillait, ces instances continuelles pour presser son départ agissaient sur lui comme un remords, wo denn sogar die Diction, die Bezeichnung Walters als chantre d'amour, in diesem Zusammenhange fehlerhaft ist, da dieser, insofern er zum Kreuzzuge auffordert, nicht Liebesdichter ist. Und zu unserer Freude erhalten wir von Gottfried z. B. eine ganze Biographie. Sein Vater war ein marchand. Sa jeunesse fut modeste et obscure. On reconnaît aisément que la cour des Hohenstauffen fut pour le Minnesinger une de ces patronnes bienfaisantes. Cette cour venait de temps à autre établir sa résidence à Strasbourg. Dans le voisinage (doch nicht so ganz) au fort de Trifels, on gardait les joyaux de la couronne impériale. Frédéric lui-même s'entourait volontiers de poètes. Godefroid devait se sentir attiré par la magnificence de tels princes. Au contact de la cour, sa langue s'épura. La faveur des Hohenstauffen lui serait probablement devenue funeste, si ces Mécènes d'humeur inconstante et voyageuse ne se fussent pas souvent éloignés de Strasbourg. Lorsqu'au lendemain d'apparitions rapides la cour s'enfuyait avec son cortége fastueux de pages, de châtelaines et de seigneurs, triste, les yeux éblouis, notre pauvre jouvenceau allait

au bord du fleuve natal. Le Rhin à son insu calma ses ennuis. Au milieu de cette nature émouvante, un jour qu'il feuilletait un manuscrit, son front s'illumina d'un feu subit; il poussa un cri de passion qui devint un poème: Tristan et Isolde etc. Also weil in einem Schlosse Rheinbaierns oft die Reichsinsignien aufbewahrt wurden, muss Friedrich oft dort sich aufgehalten haben, also muss er oft in einer Stadt des Elsass seine Residenz gehabt haben, also war er der Gönner eines jungen Menschen, der ungefähr zu derselben Zeit dort lebte, also u. 8. W. Wirklich, das läse sich in einem Romane ganz gut, aber in einem ernsten Geschichtswerke hat die Darstellung doch den kleinen Haken, dass sie reine Erfindung ist; und

aus vielen solchen Büchern St. Marc

errer

Wenn

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