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1) In dieser Hinsicht ist gar wohl zu billigen, dass die Grammatiker, namentlich Fernow und Blanc, den offenen Laut des betonten 0 und E in der offenen dritt- und viertletzten Sylbe verlangen. Denn ein Gefolge von zwei bis drei Sylben reicht wohl hin, den Accent, von welchem sie mit getragen seyn wollen, dergestalt zu belasten, dass er dadurch genöthigt wird, seine Kraft zu erhöhen, womit er denn auch seinen Vocal mehr als gewöhnlich füllt, stärkt und öffnet. Diez beruft sich dagegen auch hier auf die etymologische Beschaffenheit oder Stellung des lat. Urvocals und fordert den offenen Laut in folgenden Proparoxytonis auf Grund eines lat au und ae:

Po-vero (pau-per) Cé-sare (Cae-sar), cé-spite, ché-rere

(quae-rere), é-mulo, pré-dica, sé-colo, té-dio: auf Grund eines lat. und ě in folgenden:

Cattó-lico, có-fano, limó-sina (thenuo-gúvn), ó-pera, pó-polo, stó-maco – Cé-rebro, gé-mito, gé-nere, mé-dico, pré-mere, ripé-tere, té-nero – welchen sich aus Fernow und Blanc noch astró-logo, dó-cile, dó-dici, filo-sofo, memó-ria, mó-naco; bené-fico, lé-pido, pé-lago, fré-mere, gé-mere hinzufügen

liessen; auf Grund der Position nach lat. o in :

Có-gliere (col-ligere); aber „ausnahmsweise“ (gegen lat. 7 und ē, gegen lat. è und i, gegen lat. u und i in Position) auch in :

Gló-ria (glo-ria), vittó-ria, nebst denen auf ó-rio (ö-rius), wie z. B. bravató-rio, purgató-rio; cé-dere (-dere), ré-gola (dazu auch mó-bile, cré-dere bei Fernow und Blanc)

Fó-laga (-lica), cé-tera (ci-thara) Mé-scere (mi-scēre). Eben so wird man jedoch auch Wörtern wie:

Nó-bile (no-bilis), pó-nere (-nere), dé-bole (ile-bilis), gióvane (ju-tems), gó-mito (ci-bitus), o-mero (li-neus), ce-nere (-nis, eris), bé-vere (bi-bere), sammt denen auf e-vole (i-bilis) und é-simo (e-simus), wie z. B. colpe-vole, diletté

vole, batté-simo, cristiane-simo, welchen Diez auf etymologischer Grundlage den geschlossenen Laut vindicirt, desgleichen auch Verbalformen wie:

pó-sero, credé-vano, credé-rono,

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die er gleichfalls geschlossen verlangt, desgleichen endlich enklitischen Zusammenziehungen wie:

conó-scilo, vé-dilo, cré-dimi, die Erlaubniss, ihren betonten Vocal zu öffnen, nicht versagen dürfen. Wörtern wie desidé-rio, impé-rio giebt Diez den offenen Laut ebenfalls auf Grund des lat. ě, aber auch für monasté-rio wird derselbe Laut trotz des lat. ē (griech. n) verlangt, und Fernow will diesen Laut, nicht mit Unrecht, auch in den zusammengezogenen Formen desidé-ro, impé-ro, monasté-ro beibehalten wissen. Beispiele ferner für die Betonung der viertletzten Sylbe liefern diejenigen (zahlreichen) Verba der ersten Conjugation, welche, indem sie im Präsens die drittletzte betonen, den Ton auch in der um eine Sylbe wachsenden dritten Pluralperson dieser Zeitform nicht verrücken:

dó-mino, dó-minano - mé-dito, mé-ditano; mit Recht fordert Blanc den offenen Laut für diese Formen. Die beiden vorstehenden Beispiele bieten zwar zur Begründung desselben ein lat. 7 und ě (-minor, -dito); aber es giebt andere, welche auf Grund eines lat. 7 und ē den geschlossenen Laut fordern würden, wie có-gito, có-gitano oder eré-dito, eréditano (co-gito, he-res G. hērē-dis). Es zeigt sich wiederholt auch hier, dass die in den etymologischen Verhältnissen gesuchte Stütze weder vermöge des Bewusstseyns, das längst erloschen ist, noch vermöge gewohnheitsmässigen Herkommens, das 80 viele Ausnahmen und Schwankungen zulässt, für sicher genug gehalten werden kann, um eine Erscheinung zu erklären, welche ihren Grund weit unmittelbarer und einfacher in den natürlichen Lautverhältnissen selbst hat.

2) Eben so sehr ist die Forderung zu billigen, dass betontes O und E am Ende des Wortes, sey dies ein- oder mehrsylbig, den offenen Laut haben solle. In Ansehung des O wird dies allgemein und nur mit Ausnahme des überhaupt tonlosen Artikels und Pronomens lo gefordert; also:

o (aut), ho, do, sto, so, fo, vo (Präs. von avere, dare, stare, sapere, fare, andare), vo' (für voglio), to' (für togli), co' (für cogli), mò (modo), nò (non), ciò (ecce hoc) nebst acciò, perciò, però; prò (pro-de, prodest), può (puo-te, potest), in der Conjugation: cantò, canterò.

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In Ansehung des E wollen die Grammatiker den offenen Laut freilich nur in:

ė (est), nè (nec), me' (für meglio), te' (für tieni), oimė, oite, oise, etwa auch in aloè und in Josuè, Moise oder

ähnlichen Namen gestatten, wiewohl die Ausnahmestellung der Wörter

rè (re-ge; rex, -gis), trè (três), piè (pes, -dis,) mercè (mer.

ces, ēdis) und der Conjugationsformen wie potè, vendè etc., für welche der geschlossene Laut verlangt wird, nicht, oder nicht genügend, motivirt erscheint. Denn da das unter dem Accente plötzlich abbrechende Wort seinen Vocal mit einer Art von Gewalt ausstösst: so kann dies gar wohl dazu beitragen, den Laut des so eigentümlich gestärkten Vocals zugleich auch zu öffnen. Daher ist es allerdings gerechtfertigt, den (wie das obige lo) überhaut tonlosen Partikeln

e (et), le, ce, ve, che, ne (inde), se (si, wenn, ob) den offenen Laut zu versagen, und nur hinsichtlich der im Falle eines Gegensatzes oder einer sonst Nachdruck fordernden Beziehung für mi, ti, si eintretenden starken Pronominalformen

me, te, se dürfte derselbe eben so gut an seiner Stelle seyn wie überall, wo das Gewicht des Accentes besonders gesteigert ist. Man prüfe dies an Beispielen wie etwa: A me non resta altro conforto che di piangere teco (U. Fosc.).

Non temo io te, nè tuoi gran vanti, oh fero (Tasso). – Vede Tancredi in maggior copia il sangue Del suo nemico, e se non tanto offeso (Tasso).

3) Eben diese Beispiele vertreten also noch einen dritten Fall, in welchem der Accent eine besondere Steigerung erfährt und dadurch einer erhöhten Wirkung fähig wird. Es ist der rhetorische Accent, der, über den blossen Wortaccent hinaus, seine Kraft in der Bedeutsamkeit des Inhaltes, in der Erregtheit, dem Affect des Sprechenden hat. Ueberall, wo der Accent nicht nur syllabischen, sondern zugleich rhetorischen Werth geltend zu machen hat, muss ihm die Freiheit zugestanden werden, sich, so weit es der Sinn und Zweck der Rede erfordert, über sein gewöhnliches Maas hinaus zu stärken, mithin auch seinen Vocal, obschon diesem die Offenheit der Sylbe den ge

schlossenen Laut vorschreiben würde, zu öffnen. Und zwar gilt dies nicht nur von den offenen Tonsylben der Oxytona und Proparoxytona, sondern selbst von denen der Paroxytona; es gilt mit Einem Worte von jeder offenen Sylbe, deren 0 oder E unter den Einfluss des rhetorischen Accentes geräth. Man müsste es als einen Eingriff in die freie Lebendigkeit der Rede

zumal bei einem so lebhaften Volke wie das italienische ist

abweisen, verbieten zu wollen, dass dem Affect, dem Pathog nicht wenigstens gestattet sey, den Vocal, auch wenn er sonst geschlossen wäre, zu öffnen.

Demnach giebt es hier allerdings ein Gebiet, welches sich dem Buchstaben grammatischer Gesetzgebung entzieht und bei seiner lebendigen Beweglichkeit, die ihm weder bestritten noch verkümmert werden darf, dazu vollkommen auch berechtigt ist. Zugleich erklärt sich hierdurch zu einem nicht unbeträchtlichen Theile, warum die Aussprache des 0) und E in Italien selbst 80 verschieden, so wenig übereinstimmend ist. Die Verschiedenheit wird nicht bloss in den verschiedenen Provinzen, sondern auch in einer und derselben Provinz zu Tage treten, je nachdem man die Individuen, oder selbst ein und dasselbe Individuum, in Ansehung der verschiedenen Verhältnisse der Rede hört und beobachtet. Der oben (S. 4) genannte Trissino hat seiner Zeit (er starb i. J. 1550) den Vorschlag gemacht, für offenes O und E ein griechisches w und < zu schreiben; wenn dieser Vorschlag angenommen worden wäre: so könnte man in die Lage kommen, dasselbe Wort je nach seinem rhetorischen Werthe bald mit o, e, bald mit w, & schreiben zu müssen.

III. Das Dritte, was auf den Klang des Vocals einwirkt, ist die auch von Becker in der oben (S. 8) angeführten Stelle erwähnte Quantität oder die längere und kürzere Dauer desselben.

In dieser Hinsicht gilt als Naturgesetz, dass die Dauerfähigkeit der Stimme im umgekehrten Verhältnisse ihrer Kraft steht. Die Stimme vermag sich um so länger zu erhalten, je weniger sie angestrengt, d. h. je schwächer sie ist; sie ist dagegen um so eher erschöpft, je mehr sie zur Stärke, zur Kraftäusserung angetrieben wird. Daher vollendet sich der äusserste Grad der Kürze an demjenigen Vocal, welcher

zugleich der grössten Tonatärke fähig ist, an dem A; wogegen U und I, an welchen sich der Ton am Meisten schwächt, auch die äusserste Dehnung zulassen. Dem A fällt, als dem stärksten Vocale, die grösste Kürze, dem U und I, als den schwächsten, die grösste Dehnung zu. Mit der von U und I nach A hin zunehmenden Stärke wächst die Möglichkeit der Kürze, mit der von A nach U und I hin zunehmenden Schwäche die Möglichkeit der Länge. Weil nun in derselben Weise von U und I nach A hin gleichzeitig aber die Oeffnung, von A nach U und I hin gleichzeitig die Schliessung des Lautes erfolgt: so ergiebt sich, dass sich die offenen Laute zur Kürze, die geschlossenen dagegen zur Länge neigen.

(Zur Bestätigung dieser Wahrnehmung verdient beiläutig daran erinnert zu werden, dass im Griechischen die Vocale u, 1, v für die Länge und Kürze ihres Lautes nur einerlei Schriftzeichen haben, während doch gerade in Betreff des O und E das Bedürfniss empfunden worden, die verschiedene Quantität auch durch verschiedene Schriftzeichen (w und o - n und :) auszudrücken. Die Angaben der Grammatiker über die Quantitätsverhältnisse jener sogenannten Vocales ancipites machen es in der That wahrscheinlich, dass u, seiner natürlichen Offenheit und Tonstärke entsprechend, eine Vorliebe für die Kürze habe, diese an ihm vorherrschend sey, und dass dagegen die von Natur tonschwachen, geschlossenen Vocale i und v vorzugsweise Länge und Dehnung darbieten, weshalb man bei diesen dreien wohl mit je einem Schriftzeichen ausreichen zu können geglaubt hat. Uebrigens ist auch zu beachten, dass v eigentlich nicht unser oder das lateinische u, sondern das französische u oder unser ü vertritt, und dass unser u von den Griechen durch ov wie von den Franzosen durch ou bezeichnet wird. Diese diphthongische Auffassung des U-Lautes giebt demselben vollends den Werth entschiedener Länge und findet eine Art von Gegenbild darin, dass der Engländer sein gedehntes I diphthongisch wie ei ausspricht.)

Umgekehrt aber ist dem kurzen Vocale die Oeffnung und Stärkung seines Lautes auch ein Bedürfniss, damit er nicht unkenntlich oder ganz übereilt werde, so wie im Gegen

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